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Montag, 31. Mai 2010

Kleider machen Leute

Es gab da mal diese iPod- Werbung: Menschen, deren schwarze Silhouetten von den kleinen Kabeln ihrer Musikgeräte umrankt werden, tanzten vor farbig leuchtendem Hintergrund wild zu den gehörten Klängen.
Ein ähnliches Bild – nur ein sinnlicheres – bietet die Eingangsszene der Dreigroschenoper im Schauspielhaus, welches ursprünglich immerhin als Opernhaus entworfen wurde.
In schwarzen Anzügen stehen die Musiker auf der Bühne verstreut, die ihre einzige Beleuchtung von der blau leuchtenden Bühnenrückwand erfährt.
Mit diesem Einstieg wird der Akzent dieser Inszenierung auf die Musik gesetzt.
So haben die Musiker zwar die kräftigsten Stimmen des Abends, aber keine Gesichter.
Sie erzählen mit ihren Tönen das schönste Geschehen, vermitteln von Ursprünglichkeit, Klarheit und Natürlichkeit, was einleitend durch eine zarte Vermischung mit Vogelgezwitscher akustisch sinnreich illustriert wird, sind jedoch als Menschen nicht ins Spiel eingebunden, bleiben schwarz gekleidet, bleiben gesichtslos.
Und stehen so im direkten Kontrast zu den weiß gekleideten Schauspielern.
Ein sehr schmutziges Weiß wird dort getragen, und wo das Weiß nicht so rein ist, ist die Idee auch nicht ganz so neu.
Der Anblick der eng anliegenden Ganzkörperanzüge, vermischt mit farblich gleicher Alltagskleidung, deren Farbton sich sogar die bleich geschminkten Gesichter annähern, ähneln verdächtig dem Kostümbild der Brut aus „Romeo und Julia“, welches derzeitig auf der gleichen Bühne gespielt wird.
Ich finde, die Originalität bleibt in den Schuhen stecken, wenn eine so markante Kostümidee kopiert wird. Nichtsdestotrotz sehe ich ein, dass dieses Kostüm sinnvoll eingesetzt wurde:
Das ansonsten positiv konnotierte Weiß wird hier zu einem monotonen Brei, einer Leichenfarbe unter der die Moral des Menschen erstickt.
Dies ist es nämlich, was die „Dreigroschenoper“ mir vermittelt hat: ein tristes, schlechtes Menschenbild von einer korrupten, rachsüchtigen Meute, so geldgierig, dass im Fall Peachum sogar die eigene Tochter als materieller Wertgegenstand, als Besitztum angesehen wird.
Der Mensch ist hier so ein herbes Wesen, dass nicht einmal die Frauen klar und geschmeidig sprechen dürfen, sondern sowohl gesprochener Text als auch Gesang in rauer, brüchiger, gar krächzender Stimme kundgetan werden, was auf Dauer beim Zuhören anstrengend wird und überkarikiert wirkt.
Wären die Musiker nicht da, die ihre Kunst beeindruckend und vielfältig präsentieren, würde es keinen Spaß bringen, das Stück anzusehen.
Bei mir wurde kein Wohlbehagen, aber auch keine Beklemmung ausgelöst, da die Menschen so frei von jeder Moral gezeichnet waren, dass die Situation mir unrealistisch erschien.

Bricht man dieses Konstrukt der Menschendarstellung jedoch auf, wirkt der Realitätsgehalt viel erschütternder. Beispielsweise wird das Ausmaß, das eine korrupte Figur in einem System ausmachen kann, in der Dreigroschenoper parademäßig zur Schau gestellt.
Doch sind es, wie schon gesagt, die Musiker, die akustische Ästhetik in den Raum bringen, deren Auswirkung auf die Figuren höchst interpretationswürdig erscheint.
Dies ist es nämlich, was das Stück interessant macht: die zugelassenen Deutungsspielräume.
Kathrin Dittrich

Montag, 10. Mai 2010

Haifisch – Zähne – Gesicht

"Die Dreigroschenoper" Premiere Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

Haifisch – Zähne – Gesicht. Man kennt das ja. Mit der Musik von Kurt Weill kann eine Aufführung der Dreigroschenoper ja schon mal so schlecht nicht sein. Dreigroschenoper – kennt man auch.
Die Bühne hat auch Zähne, denn Steine, Geröll und das gesamte Personal liegen darauf rum. Die Idee, dass der Kasten inmitten der Einöde Schauplatz für das eigentliche Dramengeschehen ist, macht sich auch ganz gut. Außerhalb des bisschen Handlung gibt es also nur Trostlosigkeit zu sehen. Gesang macht das ganze etwas optimistischer. Das liegt zum einen daran, dass man einen Großteil des Textes üblicherweise eh nicht versteht, sofern man die Songs nicht kennt, zum anderen aber auch daran, dass die Darbietung so eindringlich ist. In solchen Momenten wirkt das Ganze etwas zerrissen auf diesem Bühnenbild.
Denn jede noch so trostlose Wüste kommt nicht an die Eindrücklichkeit der Songhöhepunkte heran.

Apropos Songs: Ich hatte ja schon die wüstesten Vorstellungen, was in einer modernen Inszenierung der Dreigroschenoper wohl aus Weills Musik wird. Mein Eindruck der Szene ließ mich auf nöligen Dauertechno tippen. Aber: Falsch! Nix Techno und nix Avantgarde.
Die Urfassungen klingen natürlich auch super, sind aber eben nicht so viel Überraschung und ziehen auch das Drama auf die Stufe der wohl ursprünglich angedachten Inszenierung. Und wenn man da einmal angekommen ist, wirkt Maske und Szenerie nur noch wie Schminke und Pappe. Und dass Musiker schwarz und Schauspieler weiß angemalt sind, kann ja auch Gewöhnungssache sein.
Am Ende bleibt daher ein nettes Theatererlebnis, dessen Qualität man nicht so ganz einzuordnen vermag. Halt bieten die fantastischen schauspielerischen und musikalischen Leistungen und der Eindruck, dass die Musik Kurt Weills hier wohl den Rest der Inszenierung verschluckt hat.
Vielleicht geht es anders ja auch einfach nicht.

Nicolai Pudimat

Freitag, 30. April 2010

Hat der Haifisch noch Zähne?

Schauspielhaus, 24.04.10, Premiere "Die Dreigroschenoper"

Klar hat er die! ...jedenfalls dort wo man sie erwartet. Aber vielleicht hat er doch nicht immer ein volles Gebiss an einem Premierenabend der “Dreigroschenoper“ im Schauspielhaus. Darauf hätte ich voller Vorfreude zwar gewiss spekuliert, jedoch konnte ich leider nicht besonders befriedigt und -wie so oft nach schönen Theaterabenden- beflügelt auf meinem Weg durch die milde Frühlingsnacht fort spazieren. Vermutlich waren die Erwartungen auch etwas zu hoch bei der Kombination von Brecht, der Dreigroschenoper und dem Schauspielhaus. Dieses Mal konnte jedoch auch nicht mein Gewissen das ungenügende Nachgefühl wettmachen, bei dem Versuch die Frage zu beantworten, ob ich die Kunst, die auf der Bühne stattfand, einfach nicht verstanden habe. Das Publikum schrie am Ende der Vorstellung zwar unbeirrt Bravorufe von den Balkonen hinunter und applaudierte fleißig. Aber mir hat sie Inszenierung ganz einfach nicht zugesagt. Ich fragte mich, was bitteschön die Kernaussage sein sollte? Während des Stücks habe ich mich sehr danach gefühlt, als ob ich gerade gut unterhalten werde. Was zwischenzeitlich dann leider auch nicht mehr ganz funktionierte. Aber bei Brecht erwarte ich ohnehin mehr als Unterhaltung: etwas Gesellschaftskritik und politische Aussagekräftigkeit. Auch diese Komponenten blieben etwas halbherzig. Natürlich muss man nicht jedes Stück auf die aktuelle Situation umschreiben, davon gab es in der letzten Zeit viele Versuche, aber etwas, was einem ins Ohr stößt und worüber man später nachdenken und diskutieren möchte, hätte gewagt werden können. Vielleicht muss ich aber auch einsehen, dass die Musik der Dreigroschenoper dem Plot in seiner Qualität einfach weit voraussprintet. Denn die ins Bühnenbild integrierten Musiker waren in der Tat toll und sorgten für die Glücksgefühle die Kurt Weills Lieder durch ihre Kraft auslösten. Natürlich waren auch die SchauspielerInnen in ihrem Element und sangen sich teilweise die Seele aus dem Leib, was zu vermehrtem Szenenapplaus aufforderte. Jarg Pataki hat gewiss viel Arbeit in dieses Stück gesteckt. Um Muisik, Schauspiel und das unstete Bühnenbild, dass aus einem Strand, Steinen, einem Metallpodest und halb Nackten von Meckie umgelegten Leichen und gleichzeitig lebendigen Protagonisten bestand, zum harmonisieren zu bringen. Viel musste bedacht werden, dafür habe ich natürlich Respekt. Letztlich blieb es für mich allerdings ein Theaterabend, der okay war, aber nicht lange in meinen Gedanken verharren wird.

Lea Toporan

Mittwoch, 28. April 2010

Seltsame Kostüme und tolle Musik

Schauspielhaus, 24.4.2010, Premiere Die Dreigroschenoper

„Bravo! Bravo! Bravo!“
„Zugabe!“
„Grandios!“

All das und euphorischer Beifall. Nach der Vorstellung vor der Tür: „Das war mal wieder klasse“. So so. Langsam, je mehr Schauspielhaus-Vorstellungen ich besuche, beschleicht mich die Vermutung, dass dessen Zuschauer alles phänomenal, großartig und exorbitant wun-dervoll finden. Theater ist wohl = gut! Teilweise haben sie da bei Jarg Patakis Inszenierung der Dreigroschenoper sogar Recht. Und das, obwohl Regisseur und Ensemble mit dieser Pro-duktion ein Wagnis eingegangen sind: Brecht. Der große Brecht, der Meister des epischen Theaters, Desillusionierung, Verfremdung, Irritation. Alles, was gefällt. Und das gefiel größ-tenteils auch am Samstagabend. Brechtsche Momente sind durchaus vorhanden, wohldosiert, nicht überdreht und nicht zu gewollt. So gehen beispielsweise (fast) alle Dialoge ins Publi-kum. Spannung überträgt sich von der Bühne auf den Zuschauerraum, sogar bis in den zwei-ten Rang. Auch auf der Bühne werden vor allem durch die ständige Präsenz aller Figuren be-eindruckende epische Spannungsfelder und energetische Bögen dargeboten. Die Geschichte erzählt sich so fast von alleine. Das Bühnenbild ist was für’s Auge – mehr allerdings auch nicht. Die inhaltliche Bedeutung des Gerüstkonstruktes in der Mitte der Bühne erschließt sich leider nicht immer. Dafür sieht es wenigstens schön aus, wie die Schauspieler daran herum-turnen, mit Seilen spielen oder aus dem darunterliegenden Loch herauskrabbeln. Tolle Arbeit leisten sie. Stimmgewaltig präsentieren sie die wunderbaren Weill‘schen Lieder, immer dar-auf bedacht, jede Stimmung einzufangen. Das kommt auch im Publikum an, das mehrfach Szenenapplaus spendet. Schade ist allerdings, dass keine Entwicklung zu sehen ist. Weder auf der Bühne noch im Empfinden des Zuschauers. Hinzu kommen die seltsamen Kostüme: Weiß und beige. Strumpfhosen und nackte Oberkörper. Sinnvoll wird das nur im Kontrast zu den ebenfalls immer auf der Bühne anwesenden, schwarzgekleideten Musikern. Keine neue Idee, aber trotzdem sehr wirkungsvoll. Das Zusammenspiel und die Positionierung der Musiker und Schauspieler sind sehr gelungen. Faszinierend ebenfalls, dass der Zuschauer sich ständig ent-scheiden kann, was er begutachten möchte: Die fertige Instrumentalversion, zu der die Schau-spieler singen, oder aber die Produktion der selbigen durch die Musiker und damit den Ent-stehungsprozess. Natürlich sind die bekannten Ohrwürmer dabei, die auch lange nach Verlas-sen des Theaters nicht heraus kriechen wollen. Dennoch: Trotz der vereinzelt sehr starken Momente hat es mich nicht umgehauen.

Frederieke Köver

Dienstag, 27. April 2010

Das Bambi zu Besuch bei Brecht

„Bambi lernt fürs Leben“. Die so betitelte Plakataktion des Theaters Freiburg nutzt die orange kostümierte Kunstfigur, um an sozialen und politischen Schauplätzen des realen Lebens die Aufmerksamkeit der Zuschauer durch die leichte Irritation zu kitzeln. Eine Art von Verfremdungseffekt, die Brecht seinerzeit für die Bühnen postulierte. Nun taucht ein solches Bambi in der Inszenierung von Jark Pataki in Brechts und Weills Dreigroschenoper auf und liefert den perfekten Einstieg: der kindlich schiefe Trällerton, in dem das erste Lied den Eingang in den unverzückten Gehörgang der Zuschauer findet, verhindert jede Einfühlung. Der Zuschauer ist sich sofort gewiss: Man hat es hier mit Brecht zu tun und mit der Gegenwart. Pataki verbindet die berühmte Melodie und die bekannte Methode mit der aktuellen Art Theater zu machen und antwortet auf die Frage, ob die Dreigroschenoper noch zu retten sei mit einem „ja, das geht!“. Die Verfremdungseffekte werden weiterhin durch akrobatische und tänzerische Elemente gespeist, die das naturalistische Spiel durchdringen und das sich nur minimal verändernde Bühnenbild beleben. Die Schauspieler brillieren in den einzelnen Rollen (wenn auch nicht unbedingt als harmonisches Ensemble), wobei mir persönlich die Darstellung von Celia Peachum am besten gefiel. Da das Ende des Stücks meiner Meinung nach das Beste ist, war ich froh, dass die Inszenierung mit dem ausschließlich wundervoll eingesetzten Licht genügend Raum für den bravourösen Schlussgesang ließ. Weil man um Brecht momentan auf keinen Fall vorbei kommt, sollte man sich diese Dreigroschenoper am Schauspielhaus schleunigst in den Terminkalender schreiben.
Christina Elisabeth Schäfers

Montag, 26. April 2010

Haifisch ohne Gräten - Nicht Fisch, nicht Fleisch

Die Dreigroschenoper, Regie: Jarg Pataki, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Premiere 24.04.2010

Die Erwartung war groß. Weiße Gesichter waren vorab zu sehen. Abstraktion und Verfremdung also? Der Vorhang hebt sich. Und es darf gestaunt werden. Endlich mal wieder eine riesige Opera-Folie im Bühnenhintergrund. Projektionsfläche für eigene Gedanken, keine Videos. Soweit, so klassisch.
Der Horizont der Hoffnungen. So ließ auch der Anfang hoffen. Hatte sich der Zuschauer etwa in eine Wilson-Inszenierung verirrt? Schön wärs, dazu muss man dann doch noch nach Berlin fahren. Der Formalismus wurde dafür zu wenig durchgehalten. Was das da für Gestalten auf der Bühne sein sollten, blieb bis zum Schluss ungeklärt. Peachum, Lucy, Polly, Macheath. Alles austauschbare Wesen, nicht von dieser Welt. Tim Grobes Gesang war wie immer ein Ohrenschmaus. Auch die Musiker waren bestens aufgelegt. Sie waren Teil des Bühnenbilds. Liefen herum, weckten die untoten Gestrandeten zum Leben. Die Klarinette durfte jüdisch schmatzen. Dieser Kosmos, der da geöffnet wurde, schmeckte anfangs nicht schlecht. Doch er entpuppte sich allzu schnell als fade Konserve, die auch nicht mehr viel zu sagen hat und schnell zwischen den Felsbrocken, eckig und kantig, verpufft. Schade. Es muss ja nicht gleich zu einem Fünfzehncent-Event mutieren, doch ein bisschen mehr Stimmung, wie einst im St. Pauli Theater mit Ulrich Tukur wäre dann doch irgendwie schön gewesen. So blieb nicht viel mehr übrig, als der Strand, das Meer und die Luft, Puff. An einer Gräte konnte man sich so zumindest nicht verschluckten. L'art pour l'art. Goutieren kann mans, doch sollte man sich entscheiden was man will. Unterhaltung oder Gesellschaftskritik. Sonst bleibt am Ende wohlmöglich beides auf der staubigen Strecke.
Und der Haifisch, der hat Zähne, doch die zeigte er leider nicht.


Julian Struck