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Donnerstag, 20. Mai 2010

Die verbotenen Früchte der Fantasie

Abgefahren, abgedreht, abgespaced, abgedroschen, absurd, absolut, aberwitzig, Abitur-nicht-voraussetzend, absichtlich abartig, abgefetzt, abgerockt, abgepunkt, abgesagt, abgesungen, nur nicht scheiße ist dieser Abgesang aufs spießbürgerliche Dorfleben der vereinsamten, enthemmten, entstellten Gestalten einer fliehenden Gesellschaft, die nicht weiß wovor.
Die Blüten der Gewalt werden nicht mit dem Skalpell gezogen, sie werden gerupft, enterdet, ab in die Fantasie. Da wird gepöbelt, gerauft, gerangelt, geträumt. Turbo-Speed gegen Schneckentempo. Sisyphusgleich schleicht eine Schnecke einen Berg hoch und gleitet immer wieder ab. Vom Abgleiten, Entgleiten aus der gesellschaftlichen Norm, davon handelt dieser Abend. Eine Karikatur der Gestrandeten. Das ist großes Kino der großen Emotionen. Anarchisch, dreckig, trocken, gut. Lüttchenburg, Plön, das flenst, das brennt, das schmeckt.

Julian Struck

Mittwoch, 21. April 2010

Dorf! Punk! – Wo die Tristesse farbenfroh aufblüht…

„Ich habe das Gefühl, dies wird der beste Theaterabend, der je aus einem Kanaldeckel herausgesprozelt kam“, krächzt das Affenwesen aus einem Gullideckel mitten auf der Bühne des Großen Hauses zu Beginn des Stückes „Dorfpunks – Blüten der Gewalt“ hervor und ich muss zugeben, dass ich dieses Gefühl zunächst nicht in mir verspürte.

Als sich jedoch mein urkindliches Verlangen nach einem verspielten, ausgetüftelten und detailreichen Bühnenbild zu erfüllen versprach, verwandelte sich diese Skepsis schnell in Wohlgefallen.
Dieser Wunsch wird zunächst durch die durchaus raffinierte Darstellung des routinemäßig langweiligen Alltaglebens der Dorfbewohner erfüllt, welche wie der Mechanismus einer Spieluhr anmutet: Vor der Kleinstadtkulisse, die im Laufe des Stückes wie ein Adventskalender immer neue Fenster und Türen teils versteckt bereithält, werden immer gleiche Bahnen gezogen, immer gleiche Handlungen vollstreckt. Lediglich die Spieluhrästhetik ist bei den betrunkenen, sich erbrechenden, dahindämmernden Jugendlichen nicht gegeben.

Die Flucht aus dieser Tristesse wird über die Verwandlung zum Punk erhofft. Ein Ausbruchsversuch, der nicht so recht gelingt, dem Publikum allerdings die zweite Herzhälfte des Bühnebildes schenkt, da bei dieser Produktion die Drehbühne des Großen Hauses vollständig genutzt wird: unter einer Autobahnbrücke wird eine Landschaft dargestellt, die von Kreaturen besiedelt wird, deren Existenz verrät, dass sich auch der ein oder andere Kostümbildner beherzt ausgetobt hat. Als Indiz möchte ich Achim Buch anführen, der als riesige, liebevoll zurechtgemachte Schnecke verkleidet, vergeblich eine Felswand hinaufzuklettern versucht.

Vor einem offenbart sich wahrlich eine Spielwiese für Schauspieler. Ich habe es im Theater noch nie erlebt, dass die Darsteller die Charaktere mit so offensichtlich viel Freude zum Leben erwecken. Das Stück scheint in solcher Hochstimmung gespielt, dass man nicht zu unterscheiden vermag, welches Lachen im Skript steht – und welches von Herzen kommt.

Ein derartiges Lachen fiele insbesondere nicht schwer, da ein Großteil der Texte so von Reimen durchdrungen ist, als hätte Ringelnatz mit Herzblut Dorfklischees des Alltaglebens in Lyrik verbastelt, die jedoch keinesfalls für Kinder geeignet ist.

Bei so viel Entzücken stellt sich jedoch immer wieder die Frage, in welchem Maße die Arroganz des Großstädters bedient wird, der sich eine Karikatur vom Leben im Kaff erschaffen hat oder inwieweit Teilrealitäten abgebildet werden. Jeder Leser, der in einem dieser Orte aufwuchs und seine Meinung zum etwaigen Wahrheitsgehalt der Darstellung veräußern möchte, ist herzlich aufgefordert, dies in einem Kommentar zu tun! Womöglich merkt man nämlich erst beim vielen Lachen, wie sehr man von diesen Klischeevorstellungen infiltriert ist.

An diesem Stück hatten nicht nur die Zuschauer, sondern höchstwahrscheinlich auch Bühnenbildner, Kostümbildner sowie Schauspieler ihren Spaß, demnach muss ich im Endeffekt dem Affenwesen Recht geben: Es gab noch keinen besseren Theaterabend, der je aus einem Kanaldeckel herausgesprotzelt kam.
Kathrin Dittrich

Dienstag, 6. April 2010

Glück ist reine Glückssache…

…und glücklich ist wer Dorfpunks gesehen hat.

Nach Buch und Film dachte ich alle guten Dinge sind drei, in der Tat ist in diesem Fall das Beste das Dritte. Zugegeben, das Buch hab ich nicht mehr wirklich in Erinnerung, den Film gerade noch so aber nicht mehr so präsent, dass ich große Vergleiche herstellen könnte. Doch ich wusste worum es ungefähr ging, wobei man bei dem Werk ja nicht von einer besonders komplizierten Handlung reden kann. Wir zelebrieren die Sinnlosigkeit des Seins, saufen und schütten uns mit Drogen zu. Doch was will man auch anderes machen in Lütjendorf. Denn dort herrscht ewige Routine, sterbende Langeweile, Wiederholungen ohne Ende und so weiter und so weiter, die am Anfang des Stückes sehr schön mit sich wiederholenden Tagesabläufen dargestellt wird. Die Jugend ist schon so abgebrüht, hoffnungslos, dass es nur einzelne Ausbrüche ( „HÄ??!!!“) gibt, meist im Suff. Widersprüchliches Aufbäumen mit Un-Logik gegen die spießige Eintönigkeit und Welt der Grenzen in der deine Mutter auch noch dein Chef ist. Bis der Punk Rock und so was wie Liebe entdeckt wird, doch viel ändern tut sich dadurch auch nichts.
Man kann auf die klar formulierten Fragen (z.B. des Bösen) eingehen und als Gedankenanstoß mitnehmen oder sich einefach ‚Hä?‘ fragen und weiterfeiern. Man kann darin die Selbstbeweihräucherung von Schamoni und Konsorten sehen, die offensichtlich ihren Spaß auf der Bühne haben, doch genau das finde ich so ansteckend. Endlich mal ein Stück bei dem man den tieferen Sinn nicht verzweifelt suchen muss sonder einfach ablachen und genießen kann. Doch was man sicher versteht, ist wie scheiße es sein muss in einem Kaff aufzuwachsen in der die einzige Hoffnung H.P. Baxxter bleibt.
Hingehen, anschauen, sich fragen ‚Was zum..?‘ und lachen.

Marina Kohl

Stecker raus

4. April 2010 Schauspielhaus
Dorfpunks - Die Blüten der Gewalt

Punk ist tot. Oder auch nicht. Aber zumindest das, was in Lütjenburg bei Rocko Schamonis Alter Ego Sören vom Punk ankommt, ist ziemlich tot. Darum kann das auch nix werden mit Ausbruch aus der Gesellschaft und so weiter.
Der so rebellische Punk geht auch nur unter in der Suppe der festgefahrenen Dorfwelt und ihrem immer gleichen Alltag an den immer gleichen Orten in den immer gleichen Gesichtern. Eigentlich ist das alles ziemlich trostlos und eigentlich wäre das auch alles ziemlich trostlos anzuschauen, wäre es nicht durch die Inszenierung Studio Brauns hindurch, durch die Dorfpunks auf der Bühne zum Drahtseilakt zwischen absurdem Wahnsinn und nachdenklicher Existenzkrise wird. Humor mit Anspruch – oho!
Das klappt zwar nicht immer, nämlich dann nicht, wenn das ganze zu sehr in eine Richtung ausfranst: Beklopptheit oder Intellekt. Aber das passiert vielleicht ein bis zwei Mal in diesen beiden ansonsten wunderbaren Stunden überkandidelter Tragikomödie. Allein Heinz Strunk als Sörens Mutter bleibt unvergesslich und obwohl ich anfangs etwas enttäuscht war, dass Schamoni
seine Hauptrolle Felix Kramer überlässt und sie nicht etwa selbst spielt wird - der Charakter blüht auch mit ihm auf. Oder eben nicht. Unabhängig von der Besetzung: So viel bunte Kirmes auf der Bühne war mir bisher noch nahezu unbekannt. Während mir der Braunsche Humor doch bisher immer etwas fremd war, knallt er im Theater umso mehr, scheint geradezu für das Medium gemacht zu sein. Töpfermeister Paco de Luschas schwer anrüchige Tanzeinlage zur Proklamation der Sexiness des Töpferberufs – sollte man gesehen haben. Trotz allen Wahnsinns, strahlt das Stück eine seltsame Vertrautheit aus und das liegt nicht nur am knackigen Hamburger Dialekt, der von Studio Braun wie immer kultiviert wird. Die kleine ländliche Welt, die sich da auf der Bühne dreht, kann man nämlich auch in den Augen der „Punk’s not dead“-Shirtträger der Großstadt rotieren sehen. Vielleicht ist ja das gerade das Problem: Dass Punk, egal wo, zum Dorfpunk verkommen ist. Wir lernen also auch noch etwas über unsere Generation. Und dass aus dem Ganzen durcheinander doch noch etwas werden kann. Denn am Ende stehen Rocko Schamoni und Felix Kramer zusammen auf der Bühne und sind jetzt eben nur noch das: Schamoni und Kramer. Vorbei mit Dorf und Punk und Dorfpunk, vorbei mit der Trostlosigkeit. Und darum wirkt es auch nicht bescheuert, wenn sie dann anfangen zu singen „Folge der Stimme, die in deinem Herzen schlägt“. Oder „Du trägst dein Dorf immer mit dir rum“. Es wirkt schön und zuversichtlich und gut. Viel lebhafter und bunter, als alles, was die Bühne sonst so hergeben will. Quasi Comedy-Stunde in der Hamburger Schule.
Als nächstes dann bitte eine HGich.T – Inszenierung.
Nicolai Pudimat