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Dienstag, 27. April 2010

Nachrichten aus der ideologischen Antike

Das Stück habe ich nicht verstanden. Das muss ich ehrlich sagen. Nicht ein Wort lang wusste ich, worum es grade geht. Es kam mir so vor, als ob das ganze Stück aus Assoziationen besteht, die sich bei mir nicht automatisch hergestellt haben. Ich habe mir sagen lassen, dass das Stück für Kluge-Kenner ein echter Genuss gewesen ist, aber für Uneingeweihte wie mich war der Abend ein echtes Verwirrspiel. Verwirrung auf hohem intellektuellen Niveau zwar, aber auch in Reinform. Dennoch war es unterhaltsam und auch fesselnd und die Schauspieler haben den Abend auch für Jene interessant gemacht, die mit den Assoziationsflächen Kluges keine eigenen verbinden konnten. Insbesondere Ute Hannig hat mich mit ihren zwei Köpfen zum Lachen gebracht und immer wieder vergessen lassen, dass es überhaupt was zu verstehen gibt. Diejenigen, die Alexander Kluge kennen und seine Arbeiten schätzen, haben gewonnen an diesem Abend, denn in den Momenten des Erkennens und Verstehens steckt bestimmt ein großes Genusspotential. Alle anderen dürfen sich animiert fühlen, Kluge und Co näher kennen zu lernen. Am 09.06. gibt es die nächste Gelegenheit dazu.


Christina Elisabeth Schäfers

Montag, 15. März 2010

Ein überdimensionaler Vogelkäfig und eine Guillotine

Malersaal, Deutsches Schauspielhaus in Hamburg, 05.03.2010

Das Bühnenbild versprach schon einmal viel. Ein überdimensionaler Vogelkäfig und eine Guillotine. Was das nun mit Marx und und Kluge zu tun hat, fällt mir zunächst nicht ein? Das sollte im Weiteren für mich ein Problem bleiben. Der Regisseur Kevin Rittberger verlangt seinem Publikum ein Grundwissen ab, dass nicht unerheblich ist. So sind die Anspielungen und Verweise des Stückes nicht ohne Weiteres zu verstehen, wenn man nicht eine Gewisse Vorbildung zu Marx, Kluge und Voltaire mitbringt.
Doch zunächst wieder zum Stück. Es beginnt mit einer Videosequenz, in der ein Knetmännchen, ein Staatsbediensteter über die 68er und die Revolution fabuliert. An dieser Stelle soll einmal erwähnt werden, dass die Kostüme allesamt fantastisch waren und diese einen Großteil zum Charme des Stückes beitrugen.Die Stoßrichtung des Stückes wird schnell klar. Regisseur Rittberger benutzt Werke Kluges, um sich so Marx zu nähern und zu ergründen, was dessen Ideen sind, wie diese Umgesetzt werden könnten und erwähnt dabei auch den Utopiecharakter, der bei Marx mitschwingt. So tritt der fahnenschwenkende „Marxist ohne Hoffnung auf“, der verkündet, dass es 112 Generationen bräuchte, bis der Marxismus wirklich umgesetzt werden könnte.
Als Form nutzte Rittberger das alte Pariser Grand-Guignol-Theater. In dieser mir bisher unbekannten Theaterform werden kurze Horrorstücke aufgeführt, wie z.B die Hinrichtung per Guillotine. So wird das Programm auch von einer zweiköpfigen Frau angekündigt. Weitere skurrile Gestalten sollten das Ensemble komplettieren. Im weiteren Verlauf des Stückes werden die zu einer Flosse zusammengewachsenen Beine einer Meerjungfrau getrennt und immer wieder „der Mann ohne Kopf“ geköpft. Dieser stellt parallel zur Exekution Überlegungen zum Marxismus an. Er fragt sich, wie lange der Marsch des Kapitalismus in das Innere des Menschen wohl noch aufzuhalten sei. Es ist dabei nicht immer einfach, gleichzeitig der Hinrichtung und den diskursiven Gedanken des Mannes zu folgen.
Im Weiteren kommt der von Voltaire entwickelte Mikromegas auf die Erde, um sich mit den Menschen über ihr sein zu unterhalten.
Zum Ende des Stückes fabulieren die „Monster“ über den Biokosmismus, der mir bis dahin kein Begriff war und erklimmen eine Treppe, die sie hinausführt.
Nach dem Stück bot sich für die Besucher die Möglichkeit mit Kevin Rittberger und seiner Crew über das Stück zu sprechen, was für Leute wie mich, die das Gefühl hatten, längst nicht alles mitbekommen zu haben, sehr hilfreich war.
Festzuhalten bleibt, dass Kevin Rittbergers „ Nachrichten aus der ideologischen Antike“ keinen allzu leichten Stoff bietet und mich auch trotz toller Kostüme und einem gelungenen Bühnenbild nicht restlos überzeugen konnte.

Patrick Rausch

„Nachrichten aus der ideologischen Antike“ von Kevin Rittberger

Nachrichten aus der ideologischen Antike. Bereits der Titel des Stücks weckt interessante Assoziationen und doch weiß man nicht so recht, was man sich darunter vorstellen soll.
Insofern saß ich etwas skeptisch und unvorbereitet im Malersaal und war gespannt. Gespannt darauf zu erfahren welche Inhalte vermittelt werden würden und beantwortet zu bekommen was Horror denn bitteschön mit Marx zu tun hat?!
Die „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ sind ursprünglich ein mehrstündiges Filmwerk von Alexander Kluge, welches Karl Marx und insbesondere die Theorien seines Kapitals thematisiert und durch viele Interviews analysiert.
Diesen Film, an welchem auch einige Schauspieler des hiesigen Stücks beteiligt waren, setzt Kluge nun mit Elementen des Grand- Guignol um. Das Grand- Guignol war eine Theater in Paris, das zwischen 1895 und 1962 insbesondere durch grotesk-triviale Horrorstücke erfolgreich war. Letztlich wurde es geschlossen, da die Inszenierungen nach dem zweiten Weltkrieg als pietätlos aufgefasst wurden.

Nach einem einleitenden Animationsfilm, in dem eine Knetpuppe die Hauptrolle spielt, und wenigen Szenen wurde deutlich, dass an diesem Montagabend ein gutes Theaterstück serviert wird, das allerlei zu bieten hat. Auch vieles, was nicht immer innerhalb eines Stücks so gut harmoniert: Horror, Unterhaltung, Verweise auf historisch wertvolle Texte, politische Anspielung und einen Musiker auf der Bühne.
In der linken Ecke ist ein riesiger Käfig mit einem Vogelbewohner -gespielt von Samuel Weiss- rechts ein Spiegel. Hin und her tummeln sich ein Arzt mit seiner Operationsliege, die Meerjungfrau und der Mann ohne Kopf sowie die Frau mit den zwei Köpfen.
Der Verlauf des Abends erfolgt episodisch, das passt auch zum Schreibstil Alexander Kluges. Er arbeitet mit Montagetechniken, die eine kugelförmige Dramaturgie erlauben, wie es hinterher im Publikumsgespräch erläutert wurde.
In den unterschiedlichen Episoden werden Operationen durchgeführt, der Mann verliert seinen Kopf -sogar einige Male hintereinander- und der Vogel wird erstochen, Blut spritzt. Doch neben diesen grotesken Horrorszenen geht es stets darum Inhalte zu vermitteln, große Worte zu zitieren und die Hoffnung auf den Sinn der Utopie zu bestärken. Dadurch werden beim Zuschauer zu genüge Assoziationen geweckt und er wird mitgenommen auf eine gedankliche Reise, teilweise unterstützt, teilweise gestört durch den Horror. Der Inhalt all dessen lässt sich schwer zusammenfassen, es ist vielmehr ein Erlebnis mit intellektueller Unterfütterung.

Insgesamt ist es ein außergewöhnlicher Theaterabend mit guten SchauspielerInnen und tollen Kostümen, der dynamisch und unterhaltend abläuft, dabei jedoch nicht ins Banale fällt. Auch wird man Neugierig auf Kluges Bücher und Filme und merkt hin und wieder, dass eine Vorablektüre an einigen Stellen nicht geschadet hätte.
Zwischenzeitlich wünscht man sich bei den Proben dabei gewesen zu sein, auch um zu verstehen warum gewisse Dinge genau so in Szene gesetzt wurden.
Durch die vielen unterschiedlichen Facetten wurde wieder ins Gedächtnis gerufen und hinzugelernt was Theater alles sein kann und wie es mitunter früher gewesen ist.
Gleichzeitig wird der innere Appell etwas lauter, sich endlich gründlicher und passend zur Wirtschaftskrise mit dem „Kapital“ auseinander zusetzen und auch mehr von Kevin Rittberger, wie etwa „Hunger nach Sinn“ anzuschauen.

Lea Toporan

Freitag, 12. März 2010

Ich bin der Welt abhanden gekommen

Nachrichten aus der ideologischen Antike, Regie: Kevin Rittberger, Malersaal, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 01.03.2010

Greifbar ist mir dieser Theaterabend im Malersaal noch nicht. Es ist eher ein Gefühl, als ob man versucht hätte, aus dem kosmischen Rauschen eine Nachricht herauszufiltern und diese Nachricht deshalb so seltsam und teilweise auch unverständlich erscheint, weil sie entweder aus längst vergangenen oder zukünftigen Zeiten stammt.
Ein kleiner Planet fliegt vorbei und nimmt für wenige Minuten Kontakt zur Erde auf und ist dann wieder verschwunden. Nun fragt sich natürlich, was geht es uns in unserer Zeit auf unserer Erde an? Durch die Kombination von Texten von Alexander Kluge, Voltaire und Marx hat sich der Regisseur Kevin Rittberger nicht gerade die leichtesten Autoren herausgesucht. Doch anstatt eines trockenen Theorieabends erwarten einen groteske Bilder, tief gehende Texte verbunden mit Klamauk und Satire, verrückte Kostüme und ein unglaublich faszinierendes Bühnenbild. Erwähnenswert ist der riesige Vogelkäfig auf der linken Seite, aufsehenerregend auch die kleinere Version einer Guillotine und dann sind da natürlich die Charaktere. Alle an das Gran Guinol Theater in Paris Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt sieht man einen sich immer wieder selbstbekämpfenden siamesischen Zwilling – grandios gespielt von Ute Hanning –, einen verrückten Professor - gespielt von Lukas Holzhausen, bei welchem man auf Grund der schulterlangen Haare und der Brille doch oft an Otto denken musste -, den Mann ohne Kopf (Felix Kramer), die unglaublich bewegungsfreudige und grazile Meerjungfrau (Marie Leuenberger) und zum Schluss Samuel Weiss als urkomischer Vogel im Vogelkäfig, der schon mal einen Fön gebrauchen muss, um sich aus seiner Kältestarre zu lösen.
Diese Figuren wurden mir im Laufe des Abends greifbar, doch die Texte von Alexander Kluge nicht. Gewiss, sie zeugen von großer Tiefe, ja, vielleicht sogar Weisheit, aber ich war viel zu sehr mit dem Geschehen auf der Bühne als mit dem Inhalt beschäftigt. Vielleicht erfordert es da mehr aktive Teilnahme im kosmischen Alltag, um sich seiner bloßen Sinnesorgane zu entledigen und den Abend als Ganzes zu sehen: Als kosmisches Rauschen irgendwo im Weltraum in einer Zeit, die sicher schon war und vielleicht noch kommen wird.

Marie Schwesinger

Ein Käfig voller untoter Narren - Geschichte mal anders

Alles beginnt mit einer Knetfiguren-Animation: Ein von Multitalent Samuel Weiss entworfenes Männchen, Ernies gelbem Freund Bert nicht unähnlich, nimmt in einer Prospektive vorweg, was sich im Anschluss auf so fantastische Weise entfalten soll. Diesen Prolog bloß als kindlich, verspielte Sesamstraßen-Ästhetik zu rezipieren, greift möglicherweise zu kurz. Es findet mehr statt. Eine Metamorphose: Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder und sampelt ein Lied. Die “Nachrichten aus der ideologischen Antike” kommen so gar nicht angestaubt, trocken oder gar langweilig daher. Ganz im Gegenteil, ein Panoptikum der Kuriositäten entfaltet in diesem kosmischen Kabinett des Manns ohne Kopf (außergewöhnlich kopflos armfuchtelnd: Felix Kramer), der siamesischen Zwillinge (ungewöhnlich anrührend: Ute Hannig), der frisch vom weiß bekittelten Dr. Wissenschaftler a.D. (urkomisch: Lukas Holzhausen) mit Messer blutspritzend operierten Nixe mit Beinprothesen (mit gelenkiger Eleganz: Marie Leuenberger), dem musikalischen Mann so ganz ohne Eigenschaften (der ausdruckslos am Mischpult einen grandiosen Soundtrack sampelnde Stefan Schneider) und last but not least dem paradiesischen Vogel (gewohnt traumwandlerisch tirillierend, zum Heulen tragikomisch: Samuel Weiss) á la commedia dell’ arte mit Maske.
Mithilfe eines sagenhaft verspielten, spielfreudigen Ensembles gelingt Regisseur Kevin Rittberger im Malersaal ein kleines Theaterwunder. Dieses Glück, nach dem ein jeder Theatergänger so sehnsüchtig auf der Suche ist. So ein Abend mit Brüchen, wo Komik und Tragik nah beieinander liegen. Eine Inszenierung, in der es keinen klassischen medialen Konkurrenzkampf zwischen Theater, Film, Animation, Performance, Puppentheater gibt. Gemeinsam mit den Figuren schauen wir einen Film. Quasi frame in frame wird hier eine zweite Ebene erzeugt. Wir nehmen die Perspektive der Protagonisten ein und sehen eine sehr komische Parodie auf Grand Guignol. Filmisch gesprochen ein Point of View. Wir gehören dieser Truppe da vorn auf einmal mit an, werden mit hineingezogen. Ein Kunstgriff, der Kluge weiterdenkt. Da wird der “Kosmos als Kino” wörtlich genommen. Überhaupt werden alle montierten Texte als Spielball genutzt. Ein Nebeneinander entsteht, ein Füllhorn an Bildern. Bild für Bild evoziert je eigene Assoziationsmöglichkeiten und Rezeptionszugänge. You don’t have to be rich, poor, stupid, original, cool. Du kannst alles gleichzeitig sein. Alles oder nichts, Hauptsache absolut. Leben oder Tod? Du hast die Wahl. Im Theater kann sich dann eine Exekution auch schon mal unendlich oft wiederholen. Diese Gratwanderung zwischen schwarzem Humor und großer Poesie gelingt Rittberger mit großen cineastischen Bildern auf phänomenale Weise. Die Figuren vollführen einen akrobatischen Seiltanz der Andersartigen, Abartigen, Verstoßenen, Verstorbenen. Dies ist morbide, kurios, absurd, lustig, traurig, doch niemals lächerlich. Hier wird zu keiner Sekunde eine Figur verraten. Und da ist dann diese Brüchigkeit, die Naht, die sehr schnell reißen kann. Hinter der Fassade stecken womöglich eine große Leere und Einsamkeit. Der Vogel fliegt durch die Geschichte, lässt uns lachen, lässt uns fühlen. Schließlich verliert er sein Federkleid, von wissenschaftlichem Übereifer aufgesogen. Die Luft entfleucht der Geschichte. Und da stehen wir: In der nackten Realität, jeglicher Hülle beraubt. Und wir lauschen und horchen und denken und fühlen und was die Palette der menschlichen Emotionen sonst noch so im theatralischen Sortiment auf Lager hat. Bitte nochmal zurückspulen...

Julian Struck

Mit Marx im Wunderland

Zeitung, Radio, Fernsehen – überall werden wir täglich mit Nachrichten überschüttet. Im Malersaal wird da kein Halt gemacht. Hier wird der Zuschauer von „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ unterrichtet.
Was fundamental und skurril klingt, ist es auch.
Die Bühne wird von Menschen eingenommen, die eher als Wesen zu bezeichnen sind und erinnern somit teils an andere Nachrichten aus der Antike, die klassischen Sagen.

Der Anblick eines zum Vogel gewordenen Professors, der in einer riesigen Voliere schaukelt, einer hüpfenden Meerjungfrau, eines übergroßen Mannes zunächst noch mit, später ohne Kopf, eines Siamesischen Zwillings und eines irrsinnig wirkenden Arztes, den Ideen von Marx Leben einhauchen wollen, untermalt von fein abgestimmter Musik, die an einem Mischpult erzeugt wird, welches wie eine verkabelte Bombe aussieht, dürfte die Neugierde eines Jeden wecken.

Bei diesem Anblick fühlt man sich wie aus dieser Welt entrückt, purzelt wie Alice ins Wunderland und da es schwer ist, den Bogen zum ideologischen Gedankengut von Marx zu schlagen, begibt man sich in die Bereitschaft eines Kindes, die Welt staunend und hinterfragend verstehen zu wollen. Wie Bilder eines Traumes bietet sich die Szenerie dar, Größenverhältnisse spielen keine Rolle, witzige Details sind so kreativ verspielt und nichts scheint unmöglich, sodass der Bezug zu sich selber anfänglich komplett außer Acht gelassen wird.

Regisseur Kevin Rittberger versucht in seiner Inszenierung Inhalte aus Alexander Kluges neunstündigem gleichnamigem Film aufzunehmen, welcher sich mit dem Werk von Marx befasst.

Bei diesem unter anderem historischen Thema, werden geschichtliche Motive zur Hilfe genommen, um die uralte Beziehung zwischen Mensch und Kapital zu verdeutlichen. Die Bilder, die mit den phantastischen Gestalten konzipiert werden, sind daher oft allegorisch aufzufassen. In gewisser Weise ist eine Reise durch die Geschichte zu erleben, stets das Thema betreffend und gelangt deswegen natürlich auch in die Gegenwart, somit in der vom Zuschauer erlebten Welt.

Bedenkenswert ist eine Gegenwartsbezogenheit der ganz anderen Art, sie betrifft menschliche Verhaltensweisen. Das Mittelalter kommt einem barbarisch und düster vor, wenn die „Zwillingsfrau“ darauf hinweist, wie in jener Epoche Sensationslust dafür genutzt wurde, aus der Unnormalität von Körpern wie ihrem Kapital zu schlagen. Ohne es zu bemerken, wird das Publikum zur Präsentation dieses Verhaltens genutzt, bei der die Freude an dem körperlichen Leid Anderer im Vordergrund steht. Es wird viel gelacht im Malersaal. Gelacht bei der komischen Inszenierung der Verhackstümmelung von Körpern, sei es das Auseinander schneiden der Meerjungfrauenbeine, bei der das Blut nur so spritzt, das achtlose Abreißen einer der Arme der “Zwillingsfrau“ oder das wiederholte guillotinieren des Hünen.
Diese Darbietungen würden allzu derb und grausam wirken, wenn sie nicht bewusst an die Arbeitsweisen des ehemaligen Pariser Horrortheaters „Grand Guinol“ angelehnt wären, welches mit Schauergeschichten Zuschauer anlockte.

In einem anschließenden Publikumsgespräch, stellte ein Besucher fest, dass er sich zwar köstlich amüsiert habe, doch ihm, als Alexander Kluges Werken nicht Bewandertem, der sprunghafte Wechsel zwischen Klamotte und tiefsinnigen Inhalten nicht schlüssig sei und er sicher nicht alles verstanden habe.
Der Dramaturg Steffen Sünkel antwortete darauf (zutreffend) mit einem verschmitzten Lächeln: „Noch nicht vielleicht. – Das sind harte Nächte, die man nach so einer Vorstellung durchlebt.“
Um diese Nächte erträglicher und ertragreicher zu machen, sowie zum besseren Verständnis des Stückes ist ein intensives Lesen des Programmheftes unbedingt empfehlenswert, denn erst hier erfährt man den Wunsch des Regisseurs den Marxismus zu entstauben und zum Gebrauch freizugeben.
Ein Wunsch, der trotz der ideenreichen und detailverliebten Kompositionen, der grandiosen Arbeit der Bühnen-, Kostüm- und Maskenbilder, sowie dem skurril-schönen Spiel nicht so recht in Erfüllung gehen will.

Kathrin Dittrich

Meine Damen und Herren, sie erleben "Der Mann ohne Kopf"

Meine Damen und Herren, sie erleben "Der Mann ohne Kopf".
Plötzlich befindet sich der Zuschauer auf einem Jahrmarkt des Horrors der den aufmerksamen Zuhörer um den ein oder anderen Gedankensprung reicher macht.
Dabei werden einem in kleinen Erzählungen ganz unterschiedliche Ansichten von Marx kalaschnikowartig um die Ohren gefeuert.
Gefällt das? Ja! Gerne lässt man sich auf den freakigen Trubel ein und staunt über viele spannende Einfälle.
Nachdem der Vogel jedoch die Federn gelassen hat und auch der Mann ohne Kopf seine Blöße gibt, hätte ich mir trotzdem gewünscht, während des rasanten Durchmarsches durch Kluges Werk mehr Zeit zu bekommen, um zwischen den Zeilen zu hören.
Nichts desto Trotz bleibt ein rundum spannender Abend mit fantastischen Schauspielern, schrägen Bildern und viel Gedankenkost.

Thomas C. Padanyi

Nachrichten aus der ideologischen Antike

Mein erster Gedanke, als ich die Beschreibung des Stücks las, war: Oha. Schon der Titel ließ mich vermuten, dass ich während der Vorstellung schmerzlich daran erinnert werden würde, dass ich im Geschichtsunterricht doch das ein- oder andere Mal nicht aufgepasst habe. Dass es um Marx gehen sollte, verstärkte meine Sorge. Ich sah mich schon vor Scham und Unwissenheit tiefer und tiefer in den Sessel sinken, während der Rest des Publikums der Handlung mühelos folgte.

Doch meine Sorgen sollten sich als weitgehend unberechtigt erweisen. Zwar ließ sich für mich (vielleicht tatsächlich wegen mangelnder Vorkenntnisse) keine zusammenhängende Handlung erkennen, dies wurde aber wett gemacht von den beeindruckenden Charakteren, der faszinierenden, stellenweise unheimlichen Szenerie, und vor allem: durch den subtilen, eigenen Humor der Dialoge.
Da ist der Vogel Fipsi, der so gar nicht wie „Fipsi“ aussieht und doch sofort ins Herz geschlossen wird. Da ist der verrückte Arzt, der dem Meerjungfraumädchen die Beine trennt, damit sie gehen kann. Da ist die Frau mit zwei Köpfen, die sich in den Mann mit zwei Köpfen (oder teilweise ohne Kopf) verliebt. Ja, das klingt verwirrend- ist es auch, aber gerade das macht das Stück aus: Die weltfremde Atmosphäre, der Wechsel zwischen Horror und Humor, die scharf gezeichneten, charismatischen Personen: Ein weiterer Beweis dafür, dass es sich lohnt, sich einfach mal überraschen zu lassen!

Carla Baum