Zeitung, Radio, Fernsehen – überall werden wir täglich mit Nachrichten überschüttet. Im Malersaal wird da kein Halt gemacht. Hier wird der Zuschauer von „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ unterrichtet.
Was fundamental und skurril klingt, ist es auch.
Die Bühne wird von Menschen eingenommen, die eher als Wesen zu bezeichnen sind und erinnern somit teils an andere Nachrichten aus der Antike, die klassischen Sagen.
Der Anblick eines zum Vogel gewordenen Professors, der in einer riesigen Voliere schaukelt, einer hüpfenden Meerjungfrau, eines übergroßen Mannes zunächst noch mit, später ohne Kopf, eines Siamesischen Zwillings und eines irrsinnig wirkenden Arztes, den Ideen von Marx Leben einhauchen wollen, untermalt von fein abgestimmter Musik, die an einem Mischpult erzeugt wird, welches wie eine verkabelte Bombe aussieht, dürfte die Neugierde eines Jeden wecken.
Bei diesem Anblick fühlt man sich wie aus dieser Welt entrückt, purzelt wie Alice ins Wunderland und da es schwer ist, den Bogen zum ideologischen Gedankengut von Marx zu schlagen, begibt man sich in die Bereitschaft eines Kindes, die Welt staunend und hinterfragend verstehen zu wollen. Wie Bilder eines Traumes bietet sich die Szenerie dar, Größenverhältnisse spielen keine Rolle, witzige Details sind so kreativ verspielt und nichts scheint unmöglich, sodass der Bezug zu sich selber anfänglich komplett außer Acht gelassen wird.
Regisseur Kevin Rittberger versucht in seiner Inszenierung Inhalte aus Alexander Kluges neunstündigem gleichnamigem Film aufzunehmen, welcher sich mit dem Werk von Marx befasst.
Bei diesem unter anderem historischen Thema, werden geschichtliche Motive zur Hilfe genommen, um die uralte Beziehung zwischen Mensch und Kapital zu verdeutlichen. Die Bilder, die mit den phantastischen Gestalten konzipiert werden, sind daher oft allegorisch aufzufassen. In gewisser Weise ist eine Reise durch die Geschichte zu erleben, stets das Thema betreffend und gelangt deswegen natürlich auch in die Gegenwart, somit in der vom Zuschauer erlebten Welt.
Bedenkenswert ist eine Gegenwartsbezogenheit der ganz anderen Art, sie betrifft menschliche Verhaltensweisen. Das Mittelalter kommt einem barbarisch und düster vor, wenn die „Zwillingsfrau“ darauf hinweist, wie in jener Epoche Sensationslust dafür genutzt wurde, aus der Unnormalität von Körpern wie ihrem Kapital zu schlagen. Ohne es zu bemerken, wird das Publikum zur Präsentation dieses Verhaltens genutzt, bei der die Freude an dem körperlichen Leid Anderer im Vordergrund steht. Es wird viel gelacht im Malersaal. Gelacht bei der komischen Inszenierung der Verhackstümmelung von Körpern, sei es das Auseinander schneiden der Meerjungfrauenbeine, bei der das Blut nur so spritzt, das achtlose Abreißen einer der Arme der “Zwillingsfrau“ oder das wiederholte guillotinieren des Hünen.
Diese Darbietungen würden allzu derb und grausam wirken, wenn sie nicht bewusst an die Arbeitsweisen des ehemaligen Pariser Horrortheaters „Grand Guinol“ angelehnt wären, welches mit Schauergeschichten Zuschauer anlockte.
In einem anschließenden Publikumsgespräch, stellte ein Besucher fest, dass er sich zwar köstlich amüsiert habe, doch ihm, als Alexander Kluges Werken nicht Bewandertem, der sprunghafte Wechsel zwischen Klamotte und tiefsinnigen Inhalten nicht schlüssig sei und er sicher nicht alles verstanden habe.
Der Dramaturg Steffen Sünkel antwortete darauf (zutreffend) mit einem verschmitzten Lächeln: „Noch nicht vielleicht. – Das sind harte Nächte, die man nach so einer Vorstellung durchlebt.“
Um diese Nächte erträglicher und ertragreicher zu machen, sowie zum besseren Verständnis des Stückes ist ein intensives Lesen des Programmheftes unbedingt empfehlenswert, denn erst hier erfährt man den Wunsch des Regisseurs den Marxismus zu entstauben und zum Gebrauch freizugeben.
Ein Wunsch, der trotz der ideenreichen und detailverliebten Kompositionen, der grandiosen Arbeit der Bühnen-, Kostüm- und Maskenbilder, sowie dem skurril-schönen Spiel nicht so recht in Erfüllung gehen will.
Kathrin Dittrich
Was fundamental und skurril klingt, ist es auch.
Die Bühne wird von Menschen eingenommen, die eher als Wesen zu bezeichnen sind und erinnern somit teils an andere Nachrichten aus der Antike, die klassischen Sagen.
Der Anblick eines zum Vogel gewordenen Professors, der in einer riesigen Voliere schaukelt, einer hüpfenden Meerjungfrau, eines übergroßen Mannes zunächst noch mit, später ohne Kopf, eines Siamesischen Zwillings und eines irrsinnig wirkenden Arztes, den Ideen von Marx Leben einhauchen wollen, untermalt von fein abgestimmter Musik, die an einem Mischpult erzeugt wird, welches wie eine verkabelte Bombe aussieht, dürfte die Neugierde eines Jeden wecken.
Bei diesem Anblick fühlt man sich wie aus dieser Welt entrückt, purzelt wie Alice ins Wunderland und da es schwer ist, den Bogen zum ideologischen Gedankengut von Marx zu schlagen, begibt man sich in die Bereitschaft eines Kindes, die Welt staunend und hinterfragend verstehen zu wollen. Wie Bilder eines Traumes bietet sich die Szenerie dar, Größenverhältnisse spielen keine Rolle, witzige Details sind so kreativ verspielt und nichts scheint unmöglich, sodass der Bezug zu sich selber anfänglich komplett außer Acht gelassen wird.
Regisseur Kevin Rittberger versucht in seiner Inszenierung Inhalte aus Alexander Kluges neunstündigem gleichnamigem Film aufzunehmen, welcher sich mit dem Werk von Marx befasst.
Bei diesem unter anderem historischen Thema, werden geschichtliche Motive zur Hilfe genommen, um die uralte Beziehung zwischen Mensch und Kapital zu verdeutlichen. Die Bilder, die mit den phantastischen Gestalten konzipiert werden, sind daher oft allegorisch aufzufassen. In gewisser Weise ist eine Reise durch die Geschichte zu erleben, stets das Thema betreffend und gelangt deswegen natürlich auch in die Gegenwart, somit in der vom Zuschauer erlebten Welt.
Bedenkenswert ist eine Gegenwartsbezogenheit der ganz anderen Art, sie betrifft menschliche Verhaltensweisen. Das Mittelalter kommt einem barbarisch und düster vor, wenn die „Zwillingsfrau“ darauf hinweist, wie in jener Epoche Sensationslust dafür genutzt wurde, aus der Unnormalität von Körpern wie ihrem Kapital zu schlagen. Ohne es zu bemerken, wird das Publikum zur Präsentation dieses Verhaltens genutzt, bei der die Freude an dem körperlichen Leid Anderer im Vordergrund steht. Es wird viel gelacht im Malersaal. Gelacht bei der komischen Inszenierung der Verhackstümmelung von Körpern, sei es das Auseinander schneiden der Meerjungfrauenbeine, bei der das Blut nur so spritzt, das achtlose Abreißen einer der Arme der “Zwillingsfrau“ oder das wiederholte guillotinieren des Hünen.
Diese Darbietungen würden allzu derb und grausam wirken, wenn sie nicht bewusst an die Arbeitsweisen des ehemaligen Pariser Horrortheaters „Grand Guinol“ angelehnt wären, welches mit Schauergeschichten Zuschauer anlockte.
In einem anschließenden Publikumsgespräch, stellte ein Besucher fest, dass er sich zwar köstlich amüsiert habe, doch ihm, als Alexander Kluges Werken nicht Bewandertem, der sprunghafte Wechsel zwischen Klamotte und tiefsinnigen Inhalten nicht schlüssig sei und er sicher nicht alles verstanden habe.
Der Dramaturg Steffen Sünkel antwortete darauf (zutreffend) mit einem verschmitzten Lächeln: „Noch nicht vielleicht. – Das sind harte Nächte, die man nach so einer Vorstellung durchlebt.“
Um diese Nächte erträglicher und ertragreicher zu machen, sowie zum besseren Verständnis des Stückes ist ein intensives Lesen des Programmheftes unbedingt empfehlenswert, denn erst hier erfährt man den Wunsch des Regisseurs den Marxismus zu entstauben und zum Gebrauch freizugeben.
Ein Wunsch, der trotz der ideenreichen und detailverliebten Kompositionen, der grandiosen Arbeit der Bühnen-, Kostüm- und Maskenbilder, sowie dem skurril-schönen Spiel nicht so recht in Erfüllung gehen will.
Kathrin Dittrich
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