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Montag, 19. April 2010

Game Over - Ein Essay von Julian Struck

Punk Rock, Regie: Daniel Wahl, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 13.04.2010

„Weil ich das Lustige liebte. Deshalb wollte ich nicht auf die Schule“, heißt es in den „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers“ von Alexander Spoerl. Berechtigte Bedenken eines Schulanfängers. Einschulung. Der Ernst des Lebens beginnt. Nicht nur das Wissen-Lernen wird nun zur Last, sondern auch das soziale Lernen, das Sich-Wehren-Lernen, das Sich-Abgrenzen-Lernen, oder eben das Mitmachen- oder Wegsehen-Lernen wird nun zur alles entscheidenden Herausforderung, um im Schulalltag bestehen und überleben zu können.

In der „Blechtrommel“ von Grass zersingt Oskar Matzerath am ersten Schultag seiner Lehrerin die Brillengläser. Ein Anschlag auf eine Lehrerin. Erste Rebellion gegen den Wahn-Sinn Schule?

Auf die Gewaltbereitschaft vieler Schüler kann nicht oft genug hingewiesen werden. Gewalt „im Kleinen“ findet ständig statt und sei es durch verbale Attacken auf sogenannte Out-Sider. Wenn keine Lehrkraft, kein Erwachsener im Raum ist, können diese Übergriffe, Eingriffe und Grenzüberschreitungen auch schon mal eskalieren. Wenn sich der Punk Rock im Kopf erruptiv entlädt, dann kann das zu einem Amoklauf führen, über den keiner redet. Über den keine Zeitung berichtet, über den nichts im Fernsehen kommt, über den kein sensationslüsterner Kerner mit Betroffenheitsmiene live aus Erfurt berichtet. Das sind dann die kleinen "Amokläufe", nur mit anderen Waffen. Kein "school shooting", sondern ein "school bashing". Was ist nun schlimmer, das shooting oder bashing? Wer vermag das zu sagen? Einfach alle abknallen, das würden vielleicht einige Schüler manchmal gern. Wenn sie könnten. Aber sie können nicht.

William in Simon Stephens gradiosem Gesellschaftsportrait "Punk Rock" konnte es. Er zieht einfach eine Waffe aus dem Getränkeautomaten. Sören Wunderlich verkörpert diesen fahrigen Grenzgänger mit all seinen Unsicherheiten kompromisslos. Das gesamte Ensemble überzeugt auf ganzer Linie. Sie reden gehetzt durcheinander, erzeugen in dieser atonalen Liebesballade eine Kakophonie der panischen Selbstflucht.

Stephens gelingt am Schluss ein Kunstgriff. Der Amokläufer erschießt sich nicht, sondern stellt sich den Fragen eines Psychiaters. Regisseur Daniel Wahl geht noch radikaler und letztlich konsequenter vor: Er streicht die Rolle des Arztes. Wir Zuschauer sitzen im Scheinwerferlicht und erwarten Antworten. Unser aller Sensationsgier und unsere Neigung zum medienwirksamen Dramatisieren und Psychologisieren werden jedoch vor den geblendeten Kopf gestoßen.

"Ich tat es, weil ich konnte." Wie? War's das schon? Mehr nicht? Das ist ja unspektakulär. Noch nicht einamal Blut ist geflossen. Wie schade, denkt sich vielleicht so mancher Theaterbesucher. Da redet man im Nachgespräch dann doch lieber über das zwischenzeitlich textilfreie Spiel des Protagonisten, ganz übersehend, dass der Schauspieler die ganze Zeit über nackt, ungeschützt agiert und sich immer mehr entblöst. Keiner lässt sich gerne beim eigenen Voyeurismus ertappen. Es wird aufgeräumt mit dem Zerreden der Experten. Diesen nach Amokläufen hilflosen Reflexen von Medien und Politik. Bloß es zu fassen kriegen, dieses Phänomen. Präventivmaßnahmen finden. Suche nach Beruhigung, Sicherheit.

Wo fühlen Sie sich noch sicher? Im Supermarkt, im Büro, auf der Straße, in der Schule? Reden wir über unsere Gesellschaft, über uns.

Viele haben ihn in sich, diesen Amok im Kopf. Computerspiele müssen dies nicht unbedingt verstärken, wenn Realität und virtuelle Welt noch getrennt werden können. Der Kommunikationsfähigkeit zuträglich sind sie jedoch ohne Frage nicht. Um sich gegenseitig abzuballern, muss man sich schließlich nicht verbal artikulieren können. Da muss man sich nicht mit sich selbst beschäftigen.

Manfred Dworschak schreibt diese Woche im Magazin DER SPIEGEL (Nr.15; 12.4.10): "Viele Kinder erleben die Schule in dieser Zeit als Anstalt von spukhafter Unwirklichkeit. Sie verziehen sich (...) in die innere Emigration." Wie der kleine Oskar, sich einfach verkriechen, weglaufen, wegrennen. Eine fataler Rückzug.

Zeit für Kindheit bleibt kaum. Die wenigsten Erwachsenen (dazu gehören leider auch Lehrer) scheinen das Kind in sich bewahrt zu haben. Erich Kästner schreibt in seiner „Ansprache zum Schulbeginn“: „Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt.“

Viele hochtrabende, theoretische Texte werden gelesen, aber werden sie auch wirklich im Kern verstanden? In Diskussionen soll mit den Schülern versucht werden, die Gruppendynamik (wie es so schön heißt) zu steigern und zu harmonisieren. Viele Fremdwörter kommen da zum Einsatz und einige Schüler werden dann sogar zu Mediatoren, zu Streitschlichtern ausgebildet. Klingt nach einer fertigen Problembekämpfung auf Rezept: Prädikat pädagogisch besonders wertvoll; ist aber eben häufig nur Theorie. In der Praxis wird dann tüchtig weiter ausgegrenzt.

Die Schulwirklichkeit wird im späteren Leben meist als wirklich und eben wahr wahrgenommen, ist aber nur noch eine Fußnote in der Erinnerung. Später kann man sich immer alles schön reden und glorifizieren. Die Selbstbeweihräucherung und das krampfhaft postulierte Wir-Gefühl verhindert geradezu eine kritische Hinterfragung und Selbstreflexion, die einen Schritt nach vorn ermöglichen und einen neuen Weg nach vorn, raus aus dem Dilemma ebnen würde. Kein Wunder also, wenn vielleicht einige Zuschauer "Punk Rock" als übertrieben wahrnehmen.

Der Blick des anderen als intersubjektive Spiegelung.

Im Anderen kann man auch sich selbst erkennen. Davor haben viele Angst.

Der Außenseiter, der Buhmann der Familie wird gedemütigt, ausgegrenzt, gemobbt. Die Mutter sieht dies, ignoriert es aber, deckelt es zu, damit ja kein Fleck aufs weiße Unschuldshemd der Familie kommt. Zusammenhalten muss die Sippe, denn sonst bricht sie zusammen, verliert ihren Halt. Wenn nicht eingegriffen wir, kann es schnell zu einem Game-Over führen.

In Baden-Württemberg startet demnächst ein vom Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer konzipiertes Schulprojekt, das Lehrer für das Thema sensibilisieren soll. In der ZEIT Nr. 16 vom 15.4.10 meint Scheuthauer, dass ein schärferes Waffengesetz zwar sinvoll wäre, jedoch vor allem an einem anderen Punkt angesetzt werden müsste: "Wenn ein Schüler sich isoliert, dann sollte das ein Grund sein, nicht wegzugucken, sondern einzugreifen. Nicht, um einen potenziellen Amokläufer zu erkennen, sondern einen jungen Menschen, der im sozialen Umfeld Schule dringend Unterstützung braucht."

Hätte William in "Punk Rock" nicht auch derartige Unterstützung gebraucht? Ob dies seine Tat hätte verhindern können? Der Zuschauer bleibt mit einem leeren Gefühl und dieser offenen Frage zurück. Doch das ist das Leben. Und das Leben stellt viele Fragen. Antworten muss jeder für sich selbst finden.

Dienstag, 6. April 2010

Was passiert mit tickenden Bomben, die nicht explodieren?

Punk Rock, Regie: Daniel Wahl, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Premiere 18.03.2010

Punk Rock, inszeniert von Schauspieler und Regisseur Daniel Wahl, handelt nicht von einem Amoklauf. Nicht nur. Wenn ich die Kritiken und Texte zum neuen Stück vom englischen Dramatiker Simon Stephens lese und dort ausschließlich vom Thema Amoklauf die Rede ist, so zeigt genau dies das Problem von unserer heutigen Gesellschaft nur mit der Oberfläche, nicht jedoch mit der Tiefe umgehen zu wollen. Der Amoklauf ist ein wichtiges Element des Stückes Punk Rock, welches die ineinander verschränkten Geschehnisse an einer englischen Highschool beschreibt. Doch das Blutbad ist Reaktion und nicht Aktion.
Die kleine Stadt Stockport in der Nähe von Manchester ist nicht nur Ort des Geschehens, sondern auch die Heimatstadt des Autors. Ging er selbst zu der Schule, welche er nun zum Setting eines Amoklaufes macht und welcher Schüler war er? Der Nerd mit Hornbrille? Der nette Kerl, der mal Angreifer, mal Verteidiger der Schwachen ist? Oder war er ganz normal? Ist selbst die Schule in Stockport eine so normale Schule wie das Gymnasium in Erfurt oder die Schule in Winnenden?
Normal scheint das Geschehen nicht zu sein. Zu stilisiert die Charaktere, zu Grausam die Handlungen des Peinigers Bennet, gegenüber seinen Mitschülern William und Chadwick, um mit dem normaler Schulalltag, den die meisten von uns erlebt haben oder erleben vergleichbar zu sein.
Jede Rolle scheint (und ist) brilliant besetzt: der arroganten upper class Bully (Aleksander Radenkovic), die ehrgeizige Freundin (Nadine Schwitter), das Moppelchen Tanya (Gisa Flake), der Mathematik-Freak Chadwick (Martin Wißner), der Außenseiter (hervorragend Sören Wunderlich), die Neue (Julia Nachtmann). Man weiß, wie es ausgeht, denn leider kam man nicht umhin, das Wort „Amoklauf“ in der Ankündigung des Stückes zu lesen. Dennoch fesselt das Spiel. Es fesselte mich vor allem durch die Tatsache, dass Mechanismen gezeigt wurde, die in ihrer Dichte und Konzentration vielleicht künstlich wirken mögen, doch in ihren Vorgängen an jeder Schule zutreffen. Mobbing. Wie kann Mobbing funktionieren, welches Umfeld braucht es, wohin kann es führen? Bennet ist nur daher so stark, dass er Freunde oder besser gesagt Kumpanen und Untergebene hat, die billigen, mal mitmachen oder vor allem das Ganze als Spaß nicht so wichtig nehmen. Interessant ist die Position des Nicholas Chatman, gespielt von Thorsten Hierse, welchen man zu Beginn klar zur Bennet-Front zuordnen würde, der sich jedoch durch die Freundschaft mit der Neuen an der Schule, Lilly, wandelt und schließlich gegen Bennet das Wort erhebt, als dieser die Chadwick tyrannisiert. Er ist eine der wenigen Personen, die im Laufe des Stückes eine Wandlung durchzumachen scheinen mit der Ausnahme des Protagonisten William. Doch Nicholas erhebt nur das Wort, doch tritt nicht in Aktion. An der Falschen Stelle wird körperlich nicht eingegriffe, an der falschen Stelle mit Worten verletzt, so dass es im Endeffekt reicht, dass Bennet William als „Bruderficker“ bezeichnet, damit dieser schließlich Amok läuft.
Mich hat es angerührt, diese Stück. Simon Stephens hat in seiner Sprache eine Klarheit ohne die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen zu müssen. Mich hat das Spiel der Schauspieler mehr als überzeugt und ich kann nur hoffen, dass dieses Stück mehr wird als nur ein Publikumsmagnet für Schulklassen, weil es doch solch einen pädagogisch sinnvollen Inhalt transportieren würde, dass es besser auf die Bühne des Malersaals gehöre (man beachte die Ironie).
Hört auf über Amoklauf zu reden, sondern fangt an zu schauen, wo die wirklichen Ursachen sind. Denn so tragisch die Vorfälle in Winnenden oder Erfurt gewesen sind, man vergisst schnell, dass täglich tausende Schüler von Peinigern wie Bennet tyrannisiert werden ohne dass sie Amok laufen, jedoch auch ohne zu sagen, was mit ihnen passiert. Denn zuzugeben, dass die Schulzeit nicht nur schön ist oder war, ist nicht normal. Was passiert mit Bomben, die ticken und nicht explodieren? Vielleicht gibt uns darauf Simon Stephens in ein paar Jahren die Antwort darauf. Ich bin gespannt.

Marie Schwesinger

Donnerstag, 1. April 2010

Punk Rock

25.03.10 Schauspielhaus

Endlich Frühling. Die Rahmenbedingungen für eine Premiere waren optimal. Die Theatergäste standen vor Beginn des Stückes vor dem Schauspielhaus und tranken ein Bierchen an einem der ersten lauen Frühlingsabende. Und Gäste waren viele da. Es zeigte sich mal wieder, dass Premieren etwas besonderes sind. Ich war sehr gespannt, da ich sowohl den Titel des Stückes, als auch die Kurzbeschreibung interessant fand. Jugendliche auf der Suche nach Abgrenzung und
Selbstfindung. Immer ein interessantes Thema, mit dem sich fast jeder Mensch auch in seinem eigenen Leben beschäftigen muss.
Das Stück dreht sich um eine Gruppe Jugendlicher, die allesamt auf eine englische Privatschule gehen und kurz vor dem Abschluss stehen. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Charaktere. Cissy, die alle Anstrengung in das erreichen guter Noten legt, da sie denkt, nur so diesem Ort entfliehen zu können und ansonsten keinen Charakter zu haben scheint. Als Freundin von Bennet schafft sie es nie diesen in die Schranken zu weisen, wenn er mal wieder seine Mitschüler schikaniert. Der Introvertierte Chaddy, der das Opfer von Schikanen wird und in seiner eigenen Welt zu leben zu scheint und der sensible William, der sich in Lilly verliebt, die neu auf die Schule kommt.
Und genau diese Lilly bringt Unruhe in das Leben der Schüler und entlarvt die zwischenmenschlichen Beziehungen junger Leute als fragiles Gebilde. William verliebt sich unsterblich in Lilly und muss dann erfahren, dass diese aber mit einem anderen Mitschüler zusammen ist. Er kann es nicht glauben, stellt sie zur Rede, sagt, dass es doch so schön zwischen ihnen war und das es doch etwas besonderes sein müsse. Sie entgegnet, dass sie ihn sehr mag, aber einen Mitschüler liebt. Wahrlich ein einschneidender Moment für William. Das Leben des Jungen gerät völlig aus dem Gleichgewicht. Daniel Wahl zeigt im Folgenden sehr gut auf, wie wenig das Leben von Jugendlichen oft gefestigt ist, wenn in den Jahren des erwachsen werdens Probleme auftauchen.
Es brechen Konflikte zwischen den Jugendlichen aus, die fast in Gewalt münden. Nur knapp schaffen es die Halbwüchsigen eine Schlägerei zu verhindern. Die derbe Wortwahl, der sich die Jugendlichen bedienen, zeigt gut, in was für Extremen man sich in diesem Alter bewegt. William verliert immer mehr den Halt, hört Stimmen und auch Aggressionen kommen zum Vorschein, als er mit Bennett aneinandergerät.
Es kommt wiederholt zu Extremsituationen. Chaddy wird von dem Draufgänger Bennett gedemütigt und die strebsame Cissy bricht aufgrund einer zwei zusammen, da sie Angst vor ihren Eltern und der Zukunft hat.
Enden tut das Ganze in einem Amoklauf von William, der nicht wusste, wie er mit dem Liebeskummer umgehen sollte. Hier schneidet der Regisseur ein sehr aktuelles Thema an. Amokläufe. Diese Erscheinungsform der Gewalt war bis vor ein paar Jahren ein eher amerikanisches Phänomen, welches leider auch nach Deutschland überschwappte und immer wieder zu Diskussionen führt, welches denn die Gründe für diese Gewaltausbrüche bei Jugendlichen seien. Bilder an Winnenden werden bei dem Zuschauer wach. Eine Antwort hat auch dieses Stück nicht parat, was durchaus angenehm ist. So maßt sich der Regisseur nicht an eine genaue Lösung anbieten zu können. William antwortet auf die Frage „warum?“. „Ich habe es getan, weil ich konnte.“ Diese Aussage impliziert, dass die Gründe für Gewaltausbrüche vielfältig sind.
Die eingangs erwähnten verschieden Charaktere wirken teilweise klischeebeladen. So hat Chaddy als Opfer die obligatorische Brille, rennt lesend durch die Gegend und kennt sich vorzüglich mit Mathematik aus. Trotzdem kann man den einzelnen Charakteren durchaus etwas abgewinnen und das Leben im Mikrokosmos Privatschule hat seinen Reiz für den Zuschauer.
Interessant an diesem Amoklauf ist, dass er von jemanden begangen wird, der der gehobenen Mittelschicht angehört und alle Möglichkeiten im Leben hat. Der Regisseur sucht also nicht die Antwort auf Probleme Jugendlicher in deren sozialem Stand. Auch die Mittelschicht hat Probleme!
Das Bühnenbild war eher einfach gehalten und auch an Kostümen war bei dieser Thematik nichts notwendig. Schauspielerisch wussten alle Akteure zu überzeugen, wobei William, gespielt von Sören Wunderlich, am besten gefiel.
Es war ein recht gelungenes Stück, wobei ich denke, dass dieses Thema noch mehr hergegeben hätte, wenn noch ein wenig tiefer in die Materie Jugend eingetaucht wäre. So kommen die Sinnsuche und Abgrenzung doch nicht so zum Vorschein, wie es die kurze Stückbeschreibung erahnen lässt. Viel dreht sich im Stück um normales, pubertäres Verhalten, wie überzogenen Liebeskummer, Angst, Mobbing und Geltungssucht. Nur in Phasen schneidet der Regisseur die Ängste und die Selbstfindung der Jugendlichen an, zum Beispiel wenn die Schülerin anfängt zu weinen, da sie denkt aufgrund der zwei diesen Ort niemals verlassen zu können. Was dem Regisseur Daniel Wahl gelungen ist, ist zu zeigen, dass es gar keiner Gewaltspiele am PC bedarf, oder einer schweren Kindheit um einen Amoklauf zu begehen, sondern das in diesem Alter verschiedenste Gründe zu Verzweiflung und Gewalt führen
können.

Patrick Rausch

Freitag, 26. März 2010

„Ich tat es, weil ich es konnte“

18.03.10 Schauspielhaus Premiere Punk Rock

Puh – was hält man davon? Die Thematik rund um die Vorgeschichte zu einem Amoklauf ist alles andere als neu. Tausend Mal gesehen, gehört und drüber nachgedacht. Die Charaktere sind überzeichnet, und sie nerven. Sie alle haben mich stereotypisch genervt. Doch geht es vielleicht genau darum: Es an die Spitze zu treiben und somit eine (oder sogar die?) Ursachenkette zu erkennen, die zu dem Blutbad führt? Da macht man es sich allerdings zu einfach.
Aber von vorne: Der Anfang überzeugt! Während die Zuschauer Platz nehmen, spielen die Schauspieler oder die Figuren auf der Bühne Tischtennis. Super Idee. Das Zugucken macht Appetit auf mehr. Sind es die Schauspieler, die spielen? Oder bereits die Figuren? Versucht, das herauszufinden, verfolge ich die Bälle, stets wissend, dass das kein durchgeplanter szenischer Ablauf sein kann. Durch die Art, wie die Spieler miteinander umgehen, kann man bereits eine ganze Menge über Beziehungen zwischen ihnen lernen. Dachte ich. Davon findet sich allerdings wenig im Stück wieder. Das legt die Feststellung nahe, dass es tatsächlich die Schauspieler sind, die Tischtennisspielen und die Bühne in dem Moment zum Backstage-Raum wird. Toll! Die Geschichte rund um die wohlhabende Jugend plätschert dann so dahin. Vieles ist vorhersehbar. Obwohl die Schauspieler die Figuren mit Leben füllen und vor allem Sören Wunderlich den Amokläufer William zu seiner Figur macht und obwohl die Sätze duellartig hin und her geschossen werden, will der Funke nicht recht überspringen. Berührt, wenn der „Streber“ gedemütigt wird, geschockt, wenn William tatsächlich seine Pistole lädt – klar, das sind normale Reaktionen. Doch das sind keine neuen Gefühle, keine Aha-Effekte, keine Irritationen. Die einzige Irritation fühle ich am Schluss. Wenn der Amokläufer dem Publikum, das die Rolle eines Arztes einnimmt, gegenübersitzt. Er stellt Fragen und er beantwortet. Er sagt „Ich tat es, weil ich es konnte“. Aha, so sieht es also aus. Die Ursachenkette, die zuvor als unumstößliches Gerüst aufgebaut wurde, gerät ins Wanken. Dieser Moment ist toll. Und er sorgt dafür, dass „Punk Rock“ trotz der durchsichtigen Geschichte in mir nachhallt.

Frederieke Köver

Donnerstag, 25. März 2010

Amokläufer sein oder nicht

18.03.10 Schauspielhaus Premiere

Trauriger Weise muss gestanden werden: der Handlungsablauf ist nicht neu.
Was sich hinter dem Titel Punk Rock verbirgt, entpuppt sich auf der Bühne des großen Hauses als Theaterstück über einer Thema, zu dem junge verzweifelte Menschen Journalisten bereits viel zu oft Gelegenheit gaben, ihre Schlagzeilen auf die Titelseite zu bringen.

Amoklauf.

Die Handlung zeichnet sich über die Charaktere.
Vorhersehbare Charaktere, Stereotypen muss man sagen. Vom mächtigen Widerling, gegen den sich keiner aufzulehnen wagt, seiner überehrgeizigen Freundin über das Pummelchen, das nicht anecken will, dem Smarten, den eigentlich jeder mag, vielleicht, weil er es jedem recht machen will und nie eigene Positionen bezieht, die Neue, vielgereist und in der Großstadt aufgewachsen bis zum sensiblen jungen Mann, der sich so in seiner Verwirrung, seinen Fantasien und Träumen verliert, dass er zu lügen beginnt. Und schlussendlich der Intelligenzbolzen, dessen Liebe der Mathe und Physik gilt, durch seine Hornbrille gebrandmarkt.

Diese Figuren sind zwar überspitzt dargestellt, doch mit so überzeugender Kraft gespielt, dass die Schauspieler wie Magnete wirken. Mehr von fremder Hand über die Bühne schnellen gelassen, als sich aus eigener, menschlicher Kraft bewegend.
Wer sich mag, zieht sich an und hält die Nähe trotz des Positiven nicht aus, schnellt wieder auseinander. Wer sich nicht mag, kann mit aller Kraft zueinander gedrückt werden, sobald sich die Möglichkeit ergibt, fliehen sie wie zwei Minuspole voneinander. Irgendwie hält keiner es beim anderen aus, man sieht das Alltagstheater von unsicheren Teenagern, die sich Masken aufsetzen, weil sie nicht wissen, wer sie sind oder einfach nur in Ruhe sein wollen.

Dieses intensive Spiel geht unter die Haut. Kaum dass die Charaktere sich gegenseitig in ihre Rollen stoßen, sitzt man mit Anspannung da, Unbehagen breitet sich in einem aus. Dass dieses Machtgefüge zu eskalieren droht, wird schnell deutlich, da Verachtung, Schikane und Aggression so offen zu Tage treten. Vor allem, weil man merkt, was nicht zu Tage tritt: Zivilcourage, das Eintreten und Einstehen füreinander. Hieraus entsteht eine Dichte der Darstellung, die das Stück vom Kochtopf der Klischees rettet, da an dieser Stelle das Gewissen des Zuschauers abgeklopft wird. Da sitzt man in seinen Sessel verbannt und ist doch zum Teil auf der Bühne. Der Schulalltag ist noch nicht allzu weit weg. Man möchte eingreifen und fühlt sich zugleich machtlos. Diese unerträgliche, sich über fast zwei Stunden hinziehende Ausgeschlossenheit aus Prozessen, bei denen ersichtlich ist, was falsch läuft, was veränderbar wäre. Was abwendbar wäre.
Sich eine Theateraufführung anzusehen, ist eben doch etwas anderes als ein 3-D-Film, erst recht etwas anderes, als Zeitungsartikel oder Dokumentationen. Vor einem stehen Menschen, die wirklich agieren. Diese Gefühle brennen sich ein. Der Wunsch eingreifen zu können auch. Womöglich erwächst genau daraus eine Handlungsader, die sich gegen die soziale Kälte und Gleichgültigkeit richtet, die Gisela Mayer, Mutter der beim Amoklauf von Winnenden getöteten Referendarin, in ihrem Buch anprangert und die auch im Programmheft zu Wort kommt.

Das Bühnenbild untermalt den Spiegel von Wünschen und Ängsten der Schüler mit englischen Worten. Auf der Ebene vor der riesigen Schulhoftreppe steht mittig mit einem Ausrufezeichen versehen „soul“, umkränzt von weiteren positiven Wörtern wie „love“, „meet“ und „trust“.
Je weiter die Augen die Treppenstufen hinaufwandern, desto mehr Verzweiflung und Bedrückung steckt in den Wörtern: „dead“, „sorrow“, „adieu!“, „blood“ und „bomb!“.

Bis hierhin sind Handlung, schauspielerische Darstellung und Bühnenbild stimmig.
Kreativster Teil des Bühnenbildes sind die 27 Kopfhörer, die in Dreier-Gruppierungen wie an riesigen Nabelschnüren von der Decke hängen. Dies ist der Teil des Bühnenbildes, der am vielversprechendsten wirkt, der sofort ins Auge fällt. Der leider fast nicht genutzt wird. Lediglich an einer Stelle, an der einzigen wirklich interpretierbaren, werden sie genutzt, allerdings nur verspielt und in ihrem Potenzial nicht ausgeschöpft. Die ganze Zeit will man wissen, was es damit auf sich hat, ob die eigenen Vermutungen zutreffen – und dann wird dieses Bühnenelement einfach nicht genutzt!

Dieser Makel sollte jedoch nicht davon abhalten, das Stück zu sehen. Wer das Stück nicht anguckt, handelt vielleicht in genau der Weise, der auf den Zahn gefühlt wird – nämlich gar nicht.

Kathrin Dittrich