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Montag, 15. März 2010

„Mädchen in Uniform- Wege aus der Selbstverwirklichung“ von René Pollesch

Erst nachdem sich an diesem Donnerstagabend der rote Vorhang der Hauptbühne des Schauspielhauses öffnete und schließlich wieder schloss, wussten die gespannten ZuschauerInnen des vollen Hauses welche Intention der Regisseur René Pollesch mit seiner Interpretation des Stücks „Mädchen in Uniform“, das er frei nach Christa Winsloes Mädcheninternatsroman von 1930 inszenierte, hatte.
Natürlich kann man sagen, dass die Spannung vor dem Genuss eines Theaterbesuchs und die Suche nach dem Sinn währenddessen bei jedem Theaterabend und insbesondere bei Premieren mitschwingt, doch die Arbeitsweise von Pollesch lässt eine besondere Neugierde zu.
Er ist dafür bekannt, dass er während der Proben einen offenen Arbeitsstil pflegt, spontan und kurz vor den Premieren noch Textstellen ändert oder kaum Durchläufe entstehen.
Umso aufregender und erstaunlicher sind die Ergebnisse, die eine Einheit bilden und auch ohne absolute Struktur kein Unabgerundetes oder störendes Gefühl vermitteln. Denn Irritationen und Denkanstöße waren im Stück selbst zu genüge vorhanden.

Nach der Öffnung des Samtvorhangs ist zunächst eine einfache Holzbühne als Hauptbestandteil des Bühnenbildes zu vernehmen, ein mit dem Rücken zum Publikum gewandter Mädchenchor in rosa Kleidern und bestückt mit jeweils einem Gewehr tanzt darauf. Kurz darauf wird ein Spiegel als Bühnenhinterwand sichtbar. In diesem spiegeln sich die die Gesichter der Theaterbesucher der ersten Sitzreihen des Parketts. Dadurch wurde die Trennung zwischen Bühne und Zuschauersaal geöffnet, der Raum wird durch das Bühnenbild Bert Neumanns insgesamt geweitet. Spiel und Realität mischen sich, die Gedanken beim Zuschauen sind nicht nur auf die Bühnenaktion vertieft, sondern üben immer wieder Selbstreflexion. Denn im weiteren Verlauf des Stücks wird das Publikum -insbesondere durch den Chor- immer wieder direkt angesprochen und mitunter ironisch kritisiert, was meist für Lacher sorgt und teilweise als Voyeur verurteilt. Ein von Beginn an vorhandener Running-Gag, der jedoch eher tragikomisch vermittelt wird, ist der Ausruf des Mädchens und der gleichzeitige Tadel ihrer zwei Erzieherinnen sie hätte „in die falsche Richtung gespielt“. Das Publikum ist plötzlich vor und hinter der Bühne und es gibt keinen „Backstage“ mehr.

Um die Verwirrung des Individuums in der Gesellschaft und der Suche nach dem eigenen Platz und der Frage nach der Notwendigkeit der Selbstverwirklichung geht es in diesem Stück. Der Chor scheint den Gleichschritt zu symbolisieren, die Geborgenheit im Gleichen, die Sicherheit das gleiche gemeinsam auszusprechen. Er drückt jedoch auch etwas Groteskes aus, die Gewehre passen nicht zu den rosa Kleidern die später zu Pyjamas werden. Sie sinnieren über „realistische politische Erfahrung“ und bilden einen gewissen Gegenpol zu den beiden „Erzieherinnen“ des Mädchens.
Auch aus der Ambivalenz der Figuren der drei Hauptdarstellerinnen könnte man eine gewisse Orientierungslosigkeit interpretieren- oder auch bloße Pragmatik.
Von den ursprünglichen Romankonturen ist nicht viel übrig geblieben. Es werden moderne Zwänge angesprochen bzw. assoziiert, die in unserer heutigen Gesellschaft außreichend vorhanden sind. An den Universitäten steigt der Leistungsdruck enorm, an Zeit wird gespart die Intensität des Lernens wird kaum noch berücksichtigt. So entsteht zeitweise unter den Studierenden hierzulande die verzweifelte Frage wie man sich in der Blüte seiner Jahre überhaupt entfalten kann? Und soll man das tatsächlich oder ist die Möglichkeit des Gleichschritts nicht eine Wonne der Bequemlichkeit?
Insgesamt lässt Pollesch viele Fragen offen in diesem Stück, in dem es um das Selbst, die Gesellschaft, das Theater und Freiheit geht. Doch vielleicht will er das auch. In jedem Fall wird der Zuschauer eingeladen sich zu konzentrieren und sich zwischenzeitlich vielleicht auch einen intimeren Raum zu wünschen -obgleich dann der Effekt des „in die falsche Richtung spielen“ geringer ausfallen würde. Eventuell ist es auch ein Stück, welches einen zweiten Besuch lohnt um zu erkennen, was man wie verstanden hat und Lücken zu schließen und auch zu genauer definieren zu können, was man an diesen nur ca. 60 Minuten konkret zu kritisieren hat. Alles in allem scheint vieles nämlich nicht sofort greifbar.
Es war jedoch ein Abend der Spaß gemacht hat, ohne bloß unterhalten zu werden. Die Choreografie des Chors samt Musik hat für Abwechslung gesorgt. Zudem vermittelt Sophie Rois, auch dank ihrer speziellen, schelmenhaften Stimme Lebendigkeit.
Des Publikums Beifall für das reine Frauenensemble lässt auf einen weiteren künstlerisch-eigenartigen Polleschabend schließen, den es sich anzuschauen lohnt.

Lea Toporan

Freitag, 12. März 2010

Mädchen in Uniform - Wege aus der Selbstverwirklichung von René Pollesch frei nach Christa Winsloe


auf Yahoo! Video

Mit dem Rücken zum Publikum

Was war da los? Der kreative Kritiker geht ins Theater, um sich inspirieren zu lassen, erfährt jedoch, dass er sein eigenes Stück ins Laptop tippen soll. Somit wird auch der Autor dieses Textes gewissermaßen Mitautor am Ganzen. Das inspirierte Individuum wird Teil des Kollektivs. Im Theater tritt dieses Kollektiv in Form eines Chores auf: Mädchen in rosa Uniformen. Und das MetaStück des Kritikers ohne Spiralblock beginnt:
Chor: Die Universität ist eine Bildungsfabrik. René (Achtung, Zitat!): „Alle denken: Seele! Und: Scheiße, dass man nichts sieht.” Kritiker: Ja, was sieht man, wenns am Publikum vorbeigeht, vorbeizischt? Oder war ich zu langsam/blöd? Gouvernante/Richard/Romeo/Rois: Mit dem Rücken zum Publikum! Hilfe, es gibt kein Backstage. Bin ich eine exaltierte Künstlerin, bzw. wie werde ich zu einer? Hm, mal in den Chor hineinhorchen. Kritiker: Wirklich phänomenal, diese Intonation, die Phrasierung, dieser Kontrapunkt. Ein Lob an Chorleiterin Christine Groß! Überhaupt der Chor: Sicher das Highlight des Abends. Chor: JUU-Ra! UNIversität! Universales Kollektiv! UNIform!
Unique, einzigartig war dieser Abend allemal. Alle haben mal was gesagt und sei es mit französischem Akzent. Zum Glück bin ich hier ja nicht gleichgeschaltet wie an der Uni, muss also nicht auf Fußnoten oder Quellenangaben achten, nicht auf verblichenen Disketten abspeichern. Und ich frage mich, bin ich noch im Theater oder schlafe ich schon? Bühne oder Backstage? Kunst oder Realität? Hab ich vergessen, hätte wohl doch zwischenspeichern solln. CUT
Was war auffällig an diesem Pollesch? Keine Kamera, kein “Reality-Affairs” für den Bildungsbürger. Der Zuschauer sieht sich zwar wie einst im Kabinett museal gerahmt im Spiegel des klugen Bühnenbilds von Bert Neumann (die Rückseite einer in den Zuschauerraum ragenden Bühne), doch wird uns auch wirklich ein Spiegel vorgehalten? Wohl eher eine (museale?) Haltung:
Das konservative Theater interessiert mich nicht, keine Handlung, keine Psychologie. Ich will nicht berührt werden, nicht berühren.
Entertainment: Ich bin Boulevard, ich bin Klamauk, bin intelligent, nicht platt, intellektuell, schau, schau, nicht altklug, nicht selbsverliebt, nur -reflexiv, das ist ein universaler Unterschied!
Die Souffleuse kurbelt den Vorhang der Bühne auf der Bühne auf und zu. Doch nicht nur die Kurbel dreht sich, auch der Abend dreht sich redundant im Kreis. Ein Repetierfaktor mit Wiedererkennungswert. In gewisser Weise wirkt das Pollesch-Theater wie eine sprichwörtliche Bildungs-Fabrik. Die Maschinerie Theater für alle sichtbar offengelegt. Aller Semantik, Gräten und roter Fäden beraubt.
Chor wie ein verlangsamtes Repetiergewehr: Die Universität ist eine Bildungsfabrik. Studiert JURA! Der internationale Gerichtshof hat alle Hände voll zu tun, um den internat-ionalen Anzeigen nachzugehen, da braucht es Juristen. Wollte mir der Chor das sagen? Man weiß es nicht! Eine von vielen, sicher absichtlich gesetzten Leerstellen im polarisierenden Theater des René Pollesch.
Chor: BildungsFabrik! Kritiker: Ein-bildung wäre eine Imagination, doch die verweigert Pollesch. So bleibt es bei der Bild-ung. Ein Abend, von dem sich jeder selbst sein Bild machen kann.
Das Publikum, die Fans, die traute Theatergemeinde applaudiert frenetisch, bis auf ein paar verhaltene Buhrufe für die aufgezeigten Wege aus der Selbstverwirklichung. Und ich möchte schreien: Scheiße, war das intellektuell! Oder: Scheiße, war das langweilig! Ich weiß es nicht. Scheiße!!! BLACK

J.S.

Pollesch, Rois und Mädchenbataillon liefern lupenreines Entertainment!

Das abgeschaffte Backstage, das Nicht - Entscheiden können zwischen der Beziehung mit Einzelwesen und der mit einer Gruppe. Die Wirrnisse der maschinell anmutenden Produktion von Wissen und Persönlichkeit in einem ständigen Wechsel von hier drinnen und da draußen. Kennt das damit einhergehende Gefühl von Verwirrung nicht fast jede(r) von uns? – Die Identifikationslacher des Publikums lassen erkennen: Das kennen viele! Natürlich bringt es im echten Leben niemand so gnadenlos gut auf den Punkt, wie Sophie Rois es auf der Bühne tut. Und auch das Mädchenbataillon als entindividualisierter Gegenpart, das mit pointierten Parolen Paroli bietet, liefert eine Menge Anschauungsmaterial für Assoziationen.

Vor der Vorstellung an der Garderobe beraten sich zwei Premieren-Publikum-Ladies jenseits der 60 über das Bevorstehende: „Nach dem, was man so hört, können wir uns auf einiges gefasst machen!“ – „Oh ja, oh ja, der Pollesch ist ein Wilder!“ – „Aha, soso, hört, hört!“
Na, wenn Sie vorhatten, mit Erwartungen zu brechen, muss ich Sie enttäuschen, Herr Pollesch. Das wäre fehlgeschlagen. Das Publikum erwartete einen Abend jenseits konventioneller Beurteilungskriterien. Es erwartete ein Stück, das neue Impulse für eine alte Überlegung liefert. Die ewig aktuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Identität im gesamtgesellschaftlichen Kontext wollte Alt und Jung hier neu belebt wissen. Diese Erwartung war nicht unbegründet, denn was bereits im Titel ein Konglomerat aus Altem und ironisierendem Neuen trägt und von einem derart innovativen Regisseur inszeniert wird, wie Pollesch es ist, verspricht ein Theatererlebnis zu werden, das philosophische, politische und (post)historische Themen auf intelligente und witzige Weise vermengt, vermischt und vorführt. Das wiederum ist ausdrücklich gelungen!
Dass das Entertainment auch nach der Vorstellung fortwirkt, zeigen Gespräche im Anschluss an das Stück. Ein älterer Herr erzählt auf der Premierenfeier, dass er seinen Aquarellkurs jetzt in einem völlig neuen Licht betrachtet und eine junge Frau gibt zu, dass sie jetzt doch kein eigenes Theaterstück mehr ins Laptop tippen wird, weil sie sich beim inspiriert Glotzen erwischt fühlt.

Neben der guten Unterhaltung blieb bei vielen Gästen das Gefühl, das Stück sei zu kurz, wenn auch inhaltlich gefüllt genug. An der Stelle gelang der Bruch mit Erwartungen dann doch. Man geht nach diesem Abend nicht mit einer fertigen Empfindung nach Hause, sondern mit der Spannung, die durch Kurzweil in Kombination mit dramaturgischer Dichte entsteht.

Christina Schäfers

Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung von René Pollesch

Kurz und knackig, von Theaterstücken dieser Art bin ich ein großer Fan. Doch nicht nur die erfrischende Kürze macht Polleschs „Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ zu einem einmaligen Theaterabend. Tolle Schauspieler – trotz Sophie Rois‘ teilweise fast nerviger, kreischende Stimme – und ein tolles Bühnenbild. Herauszustellen ist der Chor, der in eindrücklicher Weise Gleichschritt, Uniformierung und gleichzeitig genau das Gegenteil, nämlich Selbstverwirklichung, darstellt. Tolle Arbeit auch von Seiten der Dramaturgie. Alles sehr stimmig. Ich mag die Idee sehr, die Theorie rund um das Theater und Fragen nach beispielsweise der Kontrolle des Schauspielers über die Figur und nach der Gradwanderung zwischen Schein und Sein, die mit diesem Beruf einhergeht, auf der Bühne selbst zu thematisieren. Allein der Spiegel auf der Bühne gibt dem Stück eine theoretische Facette, die ich bei vielen anderen leider oft vermisse. Ich bin mit einem tollen Gefühl nach Hause gegangen, an- und aufgeregt durch die vielen Denkanstöße, die Pollesch dem Zuschauer gibt. Er hat es geschafft, mir eine besondere Art von Realität zu vermitteln, sodass ich bis zu dem Zeitpunkt, als ich das Theater verließ, nicht wirklich wusste, ob das Stück zu Ende ist, oder ob ich gerade Teil der Ausweitung des Bühnengeschehens auf das Publikum bin. Meiner Meinung nach wäre es nur konsequent gewesen, hätte der vermeintliche Schlussapplaus noch zum szenischen Geschehen gehört. So hatte das Konzept voll aufgehen können und der Blick des Zuschauers wäre komplett auf sich selbst und sein Verhalten zurückgefallen. Auch wenn ich es schade finde, dass Pollesch sich das hat nehmen lassen (vielleicht erachtete er es einfach als zu platt?), war der Abend großartig und unter all den Stücken, die ich bis jetzt gesehen habe, ziemlich einmalig.

Frederieke Köver

Vor lauter Individualität tragen wir Uniform

Es gibt ein Bild von Eduard Manet, das „Eine Bar in den Folies-Bergère“ heißt. Auf den ersten Blick ist nicht klar erkenntlich, in welcher Raumkonstellation das Individuum und die feine Gesellschaft zueinander stehen. Der Betrachter wird gelinkt, denn was Manet hier malte, war die Szene vor einer Spiegelwand. Mit diesem Wissen verschiebt sich die ganze Wahrnehmung der Betrachtung.

Wer den Weg zum Schauspielhaus wagt, um „Mädchen in Uniform“ zu sehen, wird selber Teil eines lebendigen Kunstwerkes. Auf der Bühne steht ein riesiger Spiegel, der dem Publikum sein Antlitz zeigt – doch nicht nur diesem, sondern auch Sophie Rois, die darüber völlig das Richtungsgefühl verliert. Nichts ist mehr da, wo es hingehört, wenn das Publikum auf der Bühne sitzt. Rois spielt die Fassungslose, als sie in den Glauben gerät, mit dem Rücken zum Publikum gespielt zu haben.
Sie verliert das Richtungsgefühl, der Zuschauer gewinnt ein neues Raumgefühl. Über kurz oder lang ist aber der Betrachter es, der in Anbetracht schneller, von Witz und Ernst gespickten Dialogen, bei denen schwer zu unterscheiden ist, wo Ironie anfängt und wo sie aufhört, die Orientierung verliert.

Die 60 Minuten kurze Inszenierung von René Pollesch befasst sich mit dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Womöglich mit der Beziehungslosigkeit zwischen beiden. Der Untertitel „Wege aus der Selbstverwirklichung“ erinnert an das Paradebeispiel zur Erklärung des Paradoxons: „Vor lauter Uniformität tragen sie Uniform“. Diese Assoziation liegt nicht fern, sobald das Stück beginnt.
Dann zieht nämlich ein Bataillon kritisch gegen die Gesellschaft und deren Trend, alles zu individualisieren, in den Krieg. Ein Bataillon von ganz ungewohnter Art. In ungewohnter Uniform. Ein Bataillon in rosa Kleidern zu roten Stöckelschuhen. Den Kampf im Chor mit Worten und ökonomisch wirkenden Choreographien auf einer Bühne austragend, hölzern wie die Gewehre des Frauenbataillons, eingerahmt von einem blau-weiß karierten Vorhang, der wie die niedlichen Gardinen in einem Puppenhaus anmutet.

Rasch kommt die Frage auf, wer hier Uniform trägt. Dem Stück nach zu urteilen, sind wir es.
"Das Publikum sitzt im Zuschauerraum in Reih und Glied, um sich ganz individuell inspirieren zu lassen", bemerkt der Chor harsch. Laut ihm verkenne das Individuum seinen Gleichschritt, jeder Versuch in die Selbstverwirklichung ist ein Weg ins Gegenteilige, in die Totalisierung.

Das Stück besteht aus Wortattacken wie diesen, die sich die Schülerin Manuela mit dem ein Einzelwesen darstellendem Chor liefert, die beiden Lehrerinnen sind Schlagwortgeberinnen. Der Zuschauer muss dem Geschehen hochkonzentriert folgen, um bei dem hohen Tempo der Dialoge und Gedankensprünge in Reih und Glied sitzend den Sinn der Worte herauszufiltern. Dass dies kein leichtes Unterfangen ist, zeigt, dass es im Nachhinein schwer zu sagen ist, an welchem Ort und zu welcher Zeit das Stück anzusiedeln ist, da sowohl veraltete Gedanken als auch hochaktueller Stoff verwoben verarbeitet werden.

So wird der Betrachter wie die Hauptdarstellerin Sophie Rois proklamieren wollen: "Moment mal! Ich hab die Richtung verloren!". Der verwirrte Geist des Zuschauers kann sich jedoch regelmäßig erholen, wenn der Chor sein militärisches Ballett zum Besten gibt und sich daran erinnern, was Sophie Rois am 25.2.2010 in einem Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt zugab: "Es gibt nichts zu interpretieren. Es wird alles gesagt. Allerdings ergeben bestimmte Sätze mit bestimmten Bildern etwas Drittes - und das schlägt dann in den Köpfen der Zuschauer Funken - wenn wir Glück haben." Folglich sollte die Devise beim Besuch dieses Theaterstückes wohl lauten: Augen und Ohren auf! Kein verkrampftes Suchen nach verstecktem Sinn und keine allzu beliebten Überinterpretierungsarien betreiben, sondern vielleicht einfach den klugen Witz genießen und trotz aller Kritik, die dort an uns als Teil der Gesellschaft geübt wird, lachen dürfen.

Kathrin Dittrich

Mädchen in Uniform

Oh wow! Ich habe noch kaum realisiert, dass das Stück begonnen hat, da hageln schon die Worte auf mich ein. Die plötzliche Flut an Sätzen über Freiheit, Selbstverwirklichung und Gesellschaftszwänge verschwimmt in Redeschwall und Akzentuierung, so dass das Ganze bald mehr wie ein Musical aus Sprechgesang wirkt. Bis man mal genauer hinhört auf das, was da gesprochen wird. Sicherlich: nicht alles von den Inhalten bleibt in so einer rasanten Inszenierung hängen, aber immer wieder dringen Fetzen durch, die mich zweifeln lassen, ob das Ganze nun mehr Gesang oder Gebrüll ist. Sowieso wird dem Zuschauer nicht viel zugeworfen, an das er sich festklammern kann. Die rustikale Bühne ragt so weit in den Zuschauerraum hinein, dass man nie ganz sicher ist, ob die zerfahrene Kommunikation, die da oben stattfindet nicht doch eigentlich dem Publikum gewidmet ist. Die Frage erübrigt sich spätestens als der Chor anfängt den Zuschauern bedrohlich zersägte Parolen zuzuwerfen. Das allein wirkt schon verstörend, dass dazwischen immer noch Choreographien zwischen Anmut und Militärparade geschaltet werden und die Mädchen in ihren Uniformen aussehen wie die Grady-Zwillinge, macht das Ganze nicht unbedingt leichter verdaulich.
Manch ein Zuschauer flüchtet sich ins Lachen, doch auch das wirkt irgendwie nicht richtig. Trotzdem: in der Skurrilität des doppelten Bodens liegt auch ein gewisser Humor, und das ist etwas, was ich im Theater viel zu selten sehe. Dass man bei allen künstlerischen Ambitionen auch ernst sein kann, ohne sich selbst allzu ernst zu nehmen. Und genau das wirkt hier so erfrischend und macht es umso einladender, die Inszenierung mit den eigenen Gedanken zu erweitern und sich zu erschließen.
Aber auch fern von aller geistigen Anstrengung geht das Stück auf. Die undeutliche Mehrfädigkeit ist so verstörend, dass ein mulmiges Gefühl das Mindeste ist, was im Magen zurückbleibt. Es funktioniert also auf beide Arten. Und gerade das ist das Tolle: ein Nach- und Weiterdenken, dass sich nicht anbiedert, sondern sich langsam einschleicht und dann nicht mehr
loslässt.

Nicolai Pudimat

Auch andere Mütter haben schöne Chöre

Mädchen in Uniform, Regie: René Pollesch, Deutsches Schauspielhaus, Großes Haus, Premiere am 25.2.10

Man traut sich kaum, über diesen Theaterabend seine individuelle, exaltierte Künstlermeinung auszudrücken. Denn würde ich hier schreiben, das Stück sei großartig gewesen und genau dies ist meine Meinung, weiß man nicht, ob man damit gerade zu den Menschen gehört, welche der von René Pollesch inszenierte Chor in seinen Reden angreift. „Glotzt nicht so inspiriert! Studiert Jura!“ kommt der wütende Ausruf aus der Schar Mädchen, welche alle gleich in Rosa Kleidchen mit Spitzenrüschen und Schleifchen gekleidet und mit einem Gewehr bewaffnet sind.
Soll einem mit diesem Gewehr der egoistische Anspruch auf eine individuelle Selbstverwirklichung ausgetrieben werden oder schlicht die Illusion, dass wir alle in unserer verkrampften Suche nach dem eigentlichen Ich ein Einzelkämpfer, ein rühmliches Wesen sind.
Antworten geben diese Mädchen in Uniform nicht. Sie stellen noch nicht mal Fragen. Sie stellen lediglich fest. Dass wir glauben, nachdem wir brav in Regelstudienzeit unseren Bachelor und Master gemacht haben, wir nicht nur selbständige, wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft sind, sondern exaltierte Künstler. Um exaltiert und extrovertiert zu sein, darf man nicht mit, sondern MUSS gegen den Strom schwimmen. Wenn alle auf Individualisierung, auf das MUSS des Künstlers Wert legen, muss man eben beginnen im Kollektiv zu leben, zu denken, zu sprechen.
Dieses Kollektiv war das Herausragenste an diesem Theaterabend, was nicht bedeutet, dass die drei „Einzelwesen“ nicht gut gespielt hätten – besonders Sophie Rois überzeugte in ihrer Verzweiflung, die Richtung verloren zu haben - doch die spannendsten Reaktionen, die spannendsten Provokationen, so mag ich es nennen, stammten aus dem Mädchenchor. Weshalb beispielsweise lacht das Publikum gerade an den Stellen, an welchen an ihm selbst Kritik geübt wird: „Sie sitzen alle in diesem Zuschauerraum, um sich individuell inspirieren zu lassen“. Kritik erspart die Selbstkritik! Das ist meine Kritik des Abends. Viele Wahrheiten wurden ausgesprochen, direkte Reaktionen gab es reichlich, doch zweifle ich daran, dass dieses Stück die Macht und die Schärfe hat zu verändern, abgesehen von einer leichten ironischen Distanz, die man zu sich gewinnt und einem verschmitzten Lächeln, mit welchem man den Zuschauerraum verlässt.

Marie Schwesinger