Freitag, 12. März 2010

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche

100 mal gesehen, 1000 Mal ist viel passiert. Es wurde geliebt, gehasst, geliebt. Mal leise, mal laut, mal verhalten, mal mit Vorschlaghammer. Mal im Supermarkt, mal im Großraumbüro, mal auf der Müllhalde, mal in Verona. Authentisch, verkorkst, overacted, deklamiert. Im Theater (sei es Schul- oder Regietheater), im Film. Kriegenburg vs. Luhman. Unvergessen diese Sterbeszene, opulent in Szene gesetzt: Sade singt herzzereißend "loving you", Leonardo di Caprio (Shutter Island noch in weiter Ferne) mit der Knarre schmachtend wie einst auf dem Kahn mit der Winslet. Das ist schön, das ist Kitsch. Kitsch, der gefällt und immer seltener auf der Bühne zu sehen ist (am ehesten vielleicht noch bei Stemann). Doch welches Stück hat schon so viel Kitschpotential mit Gänsehautgarantie wie Shakespeares "Romeo und Julia"? Wer kennt es nicht, dieses wohl berühmteste Liebespaar der dramatischen Weltliteratur? Unzählige Male gespielt auf den Bühnen dieser Welt.
Und nun also eine neue Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus. Ob Klaus Schumacher mit der großartigen Julia Nachtmann und Alexandar Radenkovic in den Hauptrollen etwas Neues, Frisches, Innovatives in den Verstrickungen zwischen den Capulets und Montagues, dieser amour dangereuse entdecken kann? Gar ein Frauentausch zwischen den Familien als dangerous game?
Yes, he can! Es blubbert, es schmatzt. Wie in einem Brutkasten räkelt sich die Brut. Ihr Rudelführer (oder ist es ihr Geburtshelfer?) spricht den Prolog. Achim Buch, gewohnt souverän, erzeugt eine beeindruckende Intensität.
Geschickt verwebt Schumacher in seiner gelungenen Inszenierung Moderne und Klassik, Komik und Tragik. Neben der besagten "Brut" ist auch Pater Lorenzo neu als glatzköpfige Frau. Oder soll Hedi Kriegeskotte asexuell sein? Auf jeden Fall sehr unterhaltsam ihr verschlurfter Pathos. Auch Jürgen Uter als Julias Vater ist herrlich überdreht. Julia selbst und ihr Romeo sind eine Offenbarung. Jede noch so kleine Geste spricht Bände. Sie lieben, sie sterben.
Am Ende wieder die wabernde Brut, diesmal unter dem Liebespaar. Das Schlussbild brennt sich ein. Im Tode sind wir alle gleich. Es blubbert, es schmatzt... Leben und Tod, hier ganz vereint wie Romeo und Julia.
Mille grazie!

Julian Struck

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